Den Markt lesen

Was tun, wenn der Markt fällt?

Von Carsten Umland · Stand: · 8 Min. Lesezeit

Kurz beantwortet

Wenn die Börse fällt, prüfen Sie zuerst, ob sich der Rückgang im Rahmen früherer Korrekturen bewegt. Ein paar schwache Tage sind kein Grund zur Panik. Statt alles zu verkaufen, begrenzen Sie das Risiko bestehender Positionen und sichern Buchgewinne enger ab. Neue Einstiege erzwingen Sie nicht. Findet Ihr Ansatz keine passenden Trading-Szenarien, ist Abwarten mit Cash ebenfalls eine Position.

Der Markt fällt, das Depot zeigt Rot, und überall ist von Crash die Rede. Der Impuls ist verständlich: raus, bevor es schlimmer wird. Genau dieser Impuls kostet viele Anleger mehr als der Rückgang selbst. In diesem Artikel erfahren Sie, was Sie in einem fallenden Markt konkret tun können, was Sie besser lassen und warum Nichtstun manchmal die richtige Entscheidung ist.

Ist ein fallender Markt ein Grund zur Panik?

Nein. Ein Tag, zwei Tage oder auch eine ganze Woche mit fallenden Kursen sind noch lange kein Grund zur Panik.

Kursrückgänge gehören zum Aktienmarkt wie Regen zum Wetter. Entscheidend ist nicht, dass der Markt fällt, sondern wie stark im Vergleich zu früheren Kursrückgängen. Dafür schauen Sie sich im Wochenchart an, wie tief der Index in den letzten Jahren üblicherweise korrigiert hat. Bleibt der aktuelle Rückgang in diesem Rahmen, ist er eher normal. Wie Sie das prüfen, lesen Sie in Steigt oder fällt der Markt? Woran Sie es sehen.

Klar ist: Die Volatilität steigt, wenn der Markt fällt. Die Kurse schwanken stärker, und die Nachrichten werden lauter. Das allein ist aber noch keine Information über die Richtung.

Was tun Sie in den ersten Tagen?

Zwei Dinge: das Risiko bestehender Positionen begrenzen und Buchgewinne enger absichern.

Besonders schnell reagiere ich, wenn sich die Grundlage ändert, zum Beispiel bei einer überraschenden Zinsentscheidung. Wenn eine Notenbank die Zinsen deutlich stärker anhebt als erwartet und der Markt damit nicht gerechnet hat, kommt sofort Unruhe auf. Überraschungen mag an der Börse niemand.

Dann gilt die Reihenfolge, die immer gilt: erst Risiko minimieren, dann an Gewinne denken. Konkret heißt das, Stopps enger an den Markt heranzuziehen und Gewinne, die bereits auf dem Papier stehen, enger abzusichern. Wie Sie einen Stopp sinnvoll setzen, lesen Sie in Stop-Loss setzen, ohne ständig ausgestoppt zu werden.

Was ich tue Was ich bewusst lasse
Prüfen, ob der Rückgang im üblichen Rahmen liegt In Panik alles verkaufen
Risiko bestehender Positionen begrenzen Jeden Tag neu an den Stopps herumschieben
Buchgewinne enger absichern Fallende Aktien „billig“ nachkaufen
Neue Einstiege zurückstellen, wenn keine Trading-Szenarien passen Einen Einstieg erzwingen, nur um dabei zu sein

Warum ist Cash auch eine Position?

Weil Abwarten eine bewusste Entscheidung ist. Cash zu halten heißt, die Position des Abwartenden einzunehmen.

Manchmal ist Nichtstun genau die Haltung, die es an der Börse braucht. Wenn Ihr Ansatz in einem nervösen Markt keine passenden Trading-Szenarien findet, ist das bereits die Antwort auf die Frage, ob Sie investieren sollten. Sie müssen keine Gelegenheit herbeisuchen, die Ihre Regeln nicht hergeben.

Daraus ergibt sich etwas, das viele überrascht: Meine Investitionsquote schwillt an und ab. Im Aufwärtstrend finden sich mehr Szenarien, im fallenden Markt greifen Stopps und es kommen kaum neue hinzu. Einen Markt, der immer nur in eine Richtung läuft, gibt es selten. Deshalb ist es auch selten sinnvoll, immer voll investiert zu sein.

Investitionsquote: Die Investitionsquote ist der Anteil Ihres Depotkapitals, der gerade in Aktien angelegt ist. Der Rest liegt als Cash bereit.

Voll investiert zu sein, halte ich ohnehin nicht für klug. Wer keinen Cash-Bestand hat, hat keinen Spielraum, wenn sich die Lage ändert.

Investitionsquote im Wechsel der MarktphasenSchematische Darstellung mit erfundenen Verläufen. Oben ein Aktienindex: Aufwärtstrend, dann eine deutliche Abwärtsphase, danach ein neuer Anstieg. Unten die Investitionsquote: Sie steigt im Aufwärtstrend, sinkt in der Abwärtsphase, weil Stopps greifen und kaum neue Trading-Szenarien entstehen, und steigt mit dem neuen Anstieg wieder. Sie erreicht zu keinem Zeitpunkt die Linie „voll investiert“.Markt fälltAktienindexInvestitionsquotevoll investiertMehr Trading-Szenarien, höhere Quote. Weniger Szenarien, mehr Cash.Cash ist in dieser Phase keine Lücke, sondern eine Position: die des Abwartenden.
Die Investitionsquote schwillt an und ab: Im Aufwärtstrend finden sich mehr Trading-Szenarien, im fallenden Markt greifen Stopps und es kommen kaum neue hinzu. Voll investiert ist das Depot nie. Schematische Darstellung, keine echten Daten. Quelle: eigene Darstellung, Carsten Umland.

Sollte man kaufen, wenn die Kanonen donnern?

Nein, nicht pauschal. Die alte Börsenweisheit klingt mutig, führt aber oft dazu, Schwäche zu kaufen.

Mein Grundsatz lautet: nicht Schwäche kaufen, sondern Stärke im Rücksetzer. Auch in einem fallenden Markt gibt es Aktien, die sich deutlich besser halten als der Rest. Diese starken Aktien kann man nach einem Rücksetzer oder nach einer Bodenbildung wieder ins Auge fassen. Schwache Unternehmen dagegen werden durch fallende Kurse nicht besser, sondern nur billiger. Ich habe noch niemanden gesehen, der mit dem Kauf schwacher Unternehmen dauerhaft erfolgreich geworden ist.

Wie Sie einen gesunden Rücksetzer von einer echten Wende unterscheiden, lesen Sie in Rücksetzer oder Trendwende? Der Unterschied. Wie ein Einstieg nach dem Rücksetzer aussieht, erklärt der Artikel Nicht hinterherlaufen: Einsteigen nach dem Rücksetzer.

Wie bleiben Sie ruhig, wenn das Depot im Minus ist?

Indem Sie bei Ihren Regeln bleiben. Sie haben Ihren Ansatz nicht aus einer Laune heraus gewählt, sondern weil Sie sich dabei etwas überlegt haben.

Natürlich ist es unangenehm, ins Depot zu schauen und eine Position im Minus zu sehen. Liegt diese Position aber innerhalb Ihres Risikomanagements, gibt es außer der Risikobegrenzung nichts zu tun. Dann ist es eben so.

Jeder Eingriff außerhalb Ihrer Regeln repariert ein Einzelschicksal. Und genau das ist das Problem: Je häufiger Sie eingreifen, desto weniger wissen Sie später, ob Ihr Ansatz funktioniert. Hat er funktioniert, weil Sie so flexibel waren? Oder hat er nicht funktioniert, weil Sie ständig am Stopp herumgefummelt haben? Sie können es nicht mehr sagen. Ihr Ansatz ist dann nicht mehr nachvollziehbar und nicht wiederholbar.

Verluste wird es an der Börse immer geben. Der Trick ist, sie nicht zur Gewohnheit werden zu lassen und den Positionen, die gut laufen, Raum zu geben. Ein Depot optimieren Sie über das große Ganze, nicht über einzelne Positionen.

So gehe ich selbst vor

Fällt der Markt deutlich, schaue ich zuerst, ob die Bewegung im üblichen Rahmen liegt. Dann begrenze ich das Risiko meiner bestehenden Positionen und sichere Buchgewinne enger ab. Was ich nicht mache: in Panik alles verkaufen. Und neue Trading-Szenarien suche ich nur, wenn meine Kriterien sie hergeben. Finde ich keine, bleibt das Geld eben liegen.

Das war nicht immer so. Früher habe ich selbst wie ein nervöses Hemd immer wieder nachjustiert. Ich hatte Positionen, von denen ich eigentlich überzeugt war. Dann kam einiges zusammen: Ich war unterwegs, beruflich angespannt und nicht mit vollem Fokus bei der Börse. Und in so einem Moment denkt man sich: Ach, ich sichere mal schnell ab.

Später, zu Hause und in Ruhe, habe ich mir die Entscheidung noch einmal angeschaut und gedacht: Um Gottes willen, was habe ich da eigentlich gemacht? Ich hatte aus dem Affekt heraus gehandelt, so wie ich es bei klarem Verstand nie getan hätte. Das ist frustrierend, und es hat mich gelehrt, wie wertvoll feste Regeln gerade dann sind, wenn der Kopf woanders ist.

Heute gilt für mich: Stick to your rules. Die Regeln lege ich in Ruhe fest, und im fallenden Markt halte ich mich daran. Gerade wenn Sie neben dem Beruf investiert sind, ist das Ihr wichtigster Schutz. Sie können nicht jeden Tag in Ruhe auf den Markt schauen, und das müssen Sie auch nicht, wenn Ihre Stopps als echte Orders im Markt liegen.

Wenn Sie das erst einmal üben wollen: Spielen Sie im Demokonto durch, was Sie in einer fallenden Woche tun würden, und schreiben Sie Ihre Regeln vorher auf. Vergleichen Sie danach, ob Sie sich daran gehalten haben.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein paar fallende Tage sind kein Grund zur Panik. Prüfen Sie, ob der Rückgang im Rahmen früherer Korrekturen liegt.
  • Die ersten Schritte: Risiko bestehender Positionen begrenzen und Buchgewinne enger absichern, statt alles zu verkaufen.
  • Cash ist eine Position. Findet Ihr Ansatz keine passenden Trading-Szenarien, ist Abwarten die richtige Antwort.
  • Nicht Schwäche kaufen, sondern Stärke im Rücksetzer. Schwache Aktien werden durch fallende Kurse nicht besser.
  • Bleiben Sie bei Ihren Regeln. Jeder spontane Eingriff macht Ihren Ansatz weniger nachvollziehbar.

Häufige Fragen

Soll ich alle Aktien verkaufen, wenn die Börse fällt?
Nein, Panikverkäufe sind fast immer die schlechteste Reaktion. Prüfen Sie zuerst, ob der Rückgang über das übliche Maß früherer Korrekturen hinausgeht. Begrenzen Sie dann das Risiko Ihrer bestehenden Positionen nach Ihren Regeln, statt alles auf einmal aufzulösen.
Ist es sinnvoll, Cash zu halten?
Ja. Cash ist keine verpasste Chance, sondern eine eigene Position: die des Abwartenden. Wer immer voll investiert ist, hat keinen Spielraum, wenn sich die Lage ändert. Eine Investitionsquote, die mit dem Markt an- und abschwillt, ist deshalb normal.
Sollte man kaufen, wenn die Kanonen donnern?
Nicht pauschal. Fallende Kurse machen eine schwache Aktie nicht zu einer guten. Ein methodischer Ansatz kauft nicht Schwäche, sondern Stärke im Rücksetzer – also starke Aktien, die zurücklaufen und sich dann wieder fangen.
Wie oft sollte ich ins Depot schauen, wenn die Kurse fallen?
Nicht öfter als sonst. Wenn Ihre Stopps als echte Orders im Markt liegen, ist Ihr Risiko begrenzt, ohne dass Sie zuschauen müssen. Ständiges Hinschauen verleitet dazu, aus dem Affekt heraus einzugreifen.
Warum reagieren Börsen so heftig auf überraschende Zinsentscheidungen?
Weil die Kurse die erwartete Entscheidung meist schon vorwegnehmen. Fällt sie anders aus, muss der Markt die neue Lage in kurzer Zeit neu bewerten. Überraschungen mag an der Börse niemand, deshalb steigt die Volatilität dann besonders schnell.

Keine Anlageberatung. Dieser Artikel vermittelt Wissen über ein methodisches Vorgehen und ist keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Der Handel mit Wertpapieren ist mit Risiken verbunden. Kursverluste bis zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals sind möglich. Risikohinweis

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