Sie haben Kapital zur Verfügung, vielleicht auf dem Tagesgeldkonto, und fragen sich: Soll ich jetzt einsteigen oder lieber warten? Die Schlagzeilen helfen dabei selten. An einem Tag ist von Rekordhochs die Rede, am nächsten vom drohenden Absturz. In diesem Artikel erfahren Sie, wie Sie die Marktlage selbst einordnen und warum aus der Frage nach dem Zeitpunkt besser ein Plan wird.
Was bedeutet Marktlage?
Die Marktlage beschreibt, in welcher Phase sich der Gesamtmarkt gerade befindet: im Aufwärtstrend, in einer Korrektur oder im Abwärtstrend.
Der Gesamtmarkt, das sind vor allem die großen Indizes. Bei US-Aktien schaue ich auf den S&P 500, den Nasdaq und den Dow Jones. Dazu kommen Rohöl, Gold und die Volatilität als Hintergrund.
- Aufwärtstrend: Der Index bildet höhere Hochs und höhere Tiefs. Die meisten Aktien haben Rückenwind.
- Korrektur: Der Index läuft innerhalb eines intakten Aufwärtstrends ein Stück zurück. Das ist normal und noch keine Wende.
- Abwärtstrend: Der Index bildet tiefere Hochs und tiefere Tiefs. Auch gute Aktien haben es schwer.
Wichtig: Jeder Index wird einzeln betrachtet. Es kommt vor, dass der Nasdaq bereits korrigiert, während der Dow Jones noch steigt. Genau diese Unterschiede sind oft die interessanteste Information. Woran Sie die Richtung im Einzelnen erkennen, lesen Sie in Steigt oder fällt der Markt? Woran Sie es sehen.
Ist jetzt ein guter Zeitpunkt?
Ehrlich gesagt: Es kommt darauf an. Das klingt nach einer typischen Beraterantwort, ist aber die einzig richtige. Ob ein Zeitpunkt für Sie passt, hängt von Ihrer Situation ab, nicht nur vom Markt.
Diese Fragen sollten Sie vorher für sich beantworten:
- Sind Sie schon investiert, oder liegt Ihr Kapital auf dem Tagesgeldkonto?
- Welchen Anlagehorizont haben Sie, Monate oder Jahre?
- Wie viel Risiko wollen und können Sie tragen?
- Wie viel Erfahrung mit Aktien bringen Sie mit?
Einsteigen kann man natürlich immer irgendwo. Soll aber eine Systematik dahinterstehen, beginnt es mit der Marktlage, dann folgen die stärksten Sektoren und schließlich die führenden Unternehmen darin. Und selbst dann geht es nicht um einen Einstieg per sofort. Sinnvoller ist es, einen Rücksetzer abzuwarten. So entsteht ein Plan, der vielleicht erst in einigen Wochen greift. Wie ein Einstieg nach dem Rücksetzer aussieht, erklärt der Artikel Nicht hinterherlaufen: Einsteigen nach dem Rücksetzer.
Was es dagegen nicht gibt: den Satz „Jetzt müssen Sie unbedingt in Technologie“ oder „Jetzt müssen Sie unbedingt in Versorger“. Den habe ich so noch nie gesagt.
Woran erkennen Sie die Marktlage?
Sie erkennen sie an vier Dingen: dem Trend jedes einzelnen Index, der Volatilität, Tagen mit Verkaufsdruck und daran, wohin das Geld zwischen den Indizes wandert.
| Was Sie prüfen | Woran Sie es sehen | Was es Ihnen sagt |
|---|---|---|
| Trend der Indizes | Höhere Hochs und Tiefs, Rücklauf oder tiefere Hochs und Tiefs – für jeden Index einzeln | In welcher Phase der Markt steckt |
| Volatilität | Der VIX, das sogenannte Angstbarometer | Wie stark sich große Anleger gerade absichern |
| Tage mit Verkaufsdruck | Der Index schließt bei hohem Volumen tiefer | Ob große Anleger beginnen, sich zurückzuziehen |
| Verschiebung zwischen den Indizes | Nasdaq schwächer als Dow Jones oder umgekehrt | Ob Anleger von Wachstum in konservative Werte umschichten |
Das Wichtigste ist die rein technische Lage. Die anderen drei Punkte ergänzen sie. Sie zeigen oft früher als der Trend selbst, dass sich etwas verändert.
Volatilität: Volatilität ist das Maß dafür, wie stark Kurse schwanken. Der VIX bildet die erwartete Schwankung des S&P 500 ab. Steigt er deutlich, wächst die Nervosität im Markt.
Was sind Distributionstage?
Ein Distributionstag ist ein Handelstag, an dem ein Index bei deutlich höherem Handelsvolumen tiefer schließt, als er eröffnet hat. Hohes Volumen heißt: Es wird viel gehandelt. Ein tieferer Schluss heißt: Die Verkäufer hatten die Oberhand. Zusammen deutet das darauf hin, dass große Anleger Bestände abbauen.
Eine Schwalbe macht allerdings noch keinen Sommer. Ein einzelner solcher Tag sagt wenig. Häufen sich diese Tage aber innerhalb weniger Wochen, ist es denkbar, dass der Tanker gerade dreht. Große Anleger können ihre Positionen nicht an einem Tag verkaufen. Sie verteilen das über Tage und Wochen, und genau das hinterlässt Spuren im Volumen.
Was verrät der Vergleich von Nasdaq und Dow Jones?
Er verrät, ob Anleger ihr Geld von Wachstumswerten in konservativere Werte umschichten. Im Nasdaq sind Technologie und Wachstum stark vertreten. Im Dow Jones stehen eher große, etablierte Standardwerte.
Wenn Anleger aus dem Nasdaq herausgehen und gleichzeitig konservative Werte aus dem Dow Jones gekauft werden, ist das für mich ein klares Zeichen für ein Umdenken im Markt. Der Gesamtmarkt muss dabei noch gar nicht fallen. Das Geld wandert nur innerhalb des Marktes.
Das ist dieselbe Logik wie beim Vergleich der Sektoren, nur eine Ebene höher. Für die Auswahl von Aktien hat das unmittelbare Folgen: Wenn das Geld gerade aus der Technologie in die Standardwerte fließt, suche ich nicht ausgerechnet dort, wo es abfließt. Wie Sie das auf Ebene der Sektoren prüfen, lesen Sie in Wo das Geld gerade hinfließt: Starke Sektoren erkennen und Sektorrotation einfach erklärt.
Welche Rolle spielen Zinsen, Inflation und Nachrichten?
Sie liefern den Hintergrund, entscheiden aber nicht allein. Ich will immer wissen, wie die Zinsen stehen, was die Notenbank plant und wie hoch die Inflation ist. Diese Informationen fließen in das Gesamtbild ein. Sie treiben mich aber nicht von einem Tag auf den anderen von einem Sektor in den nächsten.
Ausschlaggebend ist, was der Markt selbst zeigt: Trend, Volumen und wohin das Geld fließt. Die Kurse verarbeiten Zinserwartungen und Nachrichten meist schneller, als sie in der Zeitung stehen. Welche Daten wirklich zählen, lesen Sie in Zinsen, Notenbank, Inflation: Was davon für Ihre Aktien wirklich zählt. Was Sie getrost überhören können, steht in Nachrichten-Rauschen: Was Sie getrost ignorieren können.
Was heißt das, wenn der Markt fällt?
Im Abwärtstrend fallen auch starke Sektoren und starke Aktien, meist nur weniger. Ein starker Sektor ist dann kein Grund, trotzdem einzusteigen. Es gibt keinen Zwang, in jeder Phase investiert zu sein oder neue Positionen aufzubauen.
Eine Korrektur dagegen ist kein Grund zur Panik. Sie gehört zu jedem Aufwärtstrend. Entscheidend ist, ob sie eine Unterbrechung bleibt oder ob sich Tage mit Verkaufsdruck häufen und die Struktur bricht. Wie Sie in einer fallenden Phase vorgehen, lesen Sie in Was tun, wenn der Markt fällt?.
So gehe ich selbst vor
Bevor ich mir eine einzige Aktie anschaue, schaue ich auf den Gesamtmarkt. Zuerst die Trendlage jedes Index einzeln: S&P 500, Nasdaq, Dow Jones. Dann die Volatilität. Dann die Frage, ob sich Tage mit Verkaufsdruck häufen. Und schließlich der Vergleich zwischen den Indizes: Wohin wandert das Geld?
Danach richte ich meine Trading-Szenarien aus. Steckt der Markt im Aufwärtstrend und fließt das Geld in die Wachstumswerte, sieht meine Auswahl anders aus, als wenn Anleger gerade in konservative Werte umschichten. Die Marktlage ist für mich kein Ja oder Nein zum Einstieg. Sie ist der Rahmen, in dem ich nach den stärksten Sektoren und darin nach den führenden Unternehmen suche.
Das große Bild ändert sich selten von heute auf morgen. Ein Markt dreht wie ein Tanker: langsam, und mit Ankündigung. Diese Ankündigung zu sehen, ist der eigentliche Zweck des Ganzen. Deshalb reicht ein gründlicher Blick pro Woche. Ich mache das als Vollzeit-Trader montags, zusammen mit den Wirtschaftsdaten und Zinsterminen der Woche. Wenn Sie berufstätig sind, eignet sich das Wochenende: samstags zurückblicken, was sich verändert hat, sonntags die kommende Woche vorbereiten.
Wie das große Bild, die Sektoren und die einzelne Aktie in einem inflationären Umfeld zusammenspielen, zeige ich im kostenlosen Praxis-Guide Was tun gegen Inflation? 3 Schritte für Ihr Depot.
Wenn Sie das erst einmal üben wollen: Notieren Sie ein paar Wochen lang jeden Sonntag, in welcher Phase Sie die Indizes sehen und wohin das Geld fließt. Vergleichen Sie Ihre Einschätzung danach mit dem, was tatsächlich passiert ist. So schärfen Sie Ihren Blick, ohne echtes Geld einzusetzen.
Die Artikel in diesem Themenfeld
- Steigt oder fällt der Markt? Woran Sie es sehen – wie Sie Aufwärtstrend, Korrektur und Abwärtstrend sicher unterscheiden.
- Was tun, wenn der Markt fällt? – wie Sie in schwachen Phasen ruhig und handlungsfähig bleiben.
- Zinsen, Notenbank, Inflation: Was davon für Ihre Aktien wirklich zählt – welche Daten das Gesamtbild prägen.
- Nachrichten-Rauschen: Was Sie getrost ignorieren können – warum weniger Nachrichten oft bessere Entscheidungen bringen.
Das Wichtigste in Kürze
- Ob jetzt ein guter Zeitpunkt ist, hängt von Ihrer Situation, Ihrem Anlagehorizont und Ihrem Risiko ab, nicht nur vom Markt.
- Die Marktlage ordnen Sie in drei Phasen ein: Aufwärtstrend, Korrektur oder Abwärtstrend, für jeden Index einzeln.
- Volatilität, Tage mit Verkaufsdruck und die Verschiebung zwischen Nasdaq und Dow Jones zeigen oft früh, ob sich die Stimmung dreht.
- Zinsen und Inflation liefern den Hintergrund, entscheiden aber nicht allein.
- Statt auf den perfekten Moment zu warten: einen Plan machen, starke Sektoren beobachten und einen Rücksetzer abwarten.
Häufige Fragen
- Was ist ein Distributionstag an der Börse?
- Ein Distributionstag ist ein Handelstag, an dem ein Index bei deutlich höherem Volumen tiefer schließt. Das deutet darauf hin, dass große Anleger verkaufen. Ein einzelner solcher Tag sagt wenig. Häufen sie sich innerhalb weniger Wochen, kann das eine Wende im Markt ankündigen.
- Was zeigt der VIX?
- Der VIX misst, welche Schwankungen am US-Aktienmarkt für die nächsten Wochen erwartet werden. Er wird oft Angstbarometer genannt. Steigt er deutlich, sichern sich die großen Marktteilnehmer stärker ab. Er sagt nicht, wohin der Markt geht, aber wie nervös er ist.
- Soll ich warten, bis der Markt wieder steigt?
- Pauschal lässt sich das nicht beantworten, weil es von Ihrer Situation, Ihrem Anlagehorizont und Ihrem Risiko abhängt. Statt auf den perfekten Moment zu warten, hilft ein Plan: starke Sektoren beobachten, einen Rücksetzer abwarten und erst dann einsteigen, wenn die eigenen Kriterien erfüllt sind. Im Abwärtstrend gibt es keinen Grund, einen Einstieg zu erzwingen.
- Wie oft sollte ich die Marktlage prüfen?
- Einmal pro Woche reicht. Wer berufstätig ist, kann das gut am Wochenende erledigen: samstags zurückblicken, sonntags die kommende Woche vorbereiten. Tägliches Prüfen verleitet dazu, auf jede Tagesbewegung zu reagieren.
- Welche Rolle spielen Zinsen und Inflation für die Marktlage?
- Zinsen und Inflation gehören zum Gesamtbild, entscheiden aber nicht allein. Sie liefern den Hintergrund, vor dem Sie die Kursentwicklung einordnen. Ausschlaggebend ist, was der Markt selbst zeigt: Trend, Volumen und wohin das Geld fließt.
Quellen
Keine Anlageberatung. Dieser Artikel vermittelt Wissen über ein methodisches Vorgehen und ist keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Der Handel mit Wertpapieren ist mit Risiken verbunden. Kursverluste bis zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals sind möglich. Risikohinweis