Den Markt lesen

Zinsen, Notenbank, Inflation: Was davon für Ihre Aktien wirklich zählt

Von Carsten Umland · Stand: · 8 Min. Lesezeit

Kurz beantwortet

Für Aktien zählen vor allem die Zinsentscheide der Notenbanken, die Inflation – in den USA gemessen am PCE-Preisindex, an dem sich die Fed orientiert – und der Arbeitsmarkt. Entscheidend ist nicht die Zahl selbst, sondern ob sie die Erwartungen der Anleger trifft. Erwartete Zinsschritte sind meist schon eingepreist. Überraschungen entstehen eher in der Pressekonferenz, wenn die Notenbank andeutet, wohin die Reise geht.

Jede Woche kommen neue Zahlen: Inflation, Arbeitsmarkt, Zinsentscheide, Konsumdaten. Die Schlagzeilen klingen jedes Mal, als hinge alles an dieser einen Veröffentlichung. Wer versucht, auf alles zu reagieren, verliert schnell den Überblick. In diesem Artikel erfahren Sie, welche Daten wirklich zählen, wie Sie sie gewichten und warum die Erwartung der Anleger oft wichtiger ist als die Zahl selbst.

Welche Wirtschaftsdaten bewegen den Aktienmarkt?

Am stärksten bewegen ihn die Zinsentscheide der Notenbanken, die Inflation und der Arbeitsmarkt. Danach folgen Daten zu Konsum und Industrie.

Im Mittelpunkt steht die US-Notenbank Fed. Sie hat ein doppeltes Mandat: stabile Preise mit einer Inflation von 2 Prozent und eine möglichst hohe Beschäftigung. Daraus ergibt sich fast von selbst, worauf Sie achten sollten: auf alles, was mit der Inflation zu tun hat, und auf alles, was mit dem Arbeitsmarkt zu tun hat.

Ich schaue dabei nicht nur auf die Fed, sondern auch auf die Europäische Zentralbank und die Bank of England. Erst zusammen ergeben die Zinsentscheide ein Bild davon, wohin sich das Geld weltweit bewegt.

PCE-Preisindex: Der PCE-Preisindex misst die Preisentwicklung der Ausgaben privater Haushalte in den USA. An ihm macht die Fed ihr Inflationsziel von 2 Prozent fest. Deshalb ist er für die Zinspolitik wichtiger als der bekanntere Verbraucherpreisindex (CPI).

Wie gewichten Sie die vielen Daten?

Ich ignoriere bewusst nichts, aber ich gewichte. Dafür nutze ich eine einfache Rangfolge von A+ bis C.

Welche Wirtschaftsdaten wie viel Gewicht habenVier Stufen nach Gewicht. A plus: Zinsentscheide von Fed, EZB und Bank of England sowie die Inflation, gemessen am PCE-Preisindex. A: Arbeitsmarkt mit Arbeitslosenzahlen und Beschäftigung. B: Konsum und Industrie, etwa Hausverkäufe, Konsumdaten und Quartalszahlen großer Konsum- und Industrieunternehmen. C: situative Daten wie Öl- und Gaslagerbestände bei geopolitischen Spannungen.Gewicht für die MarktlageA+Zinsentscheide und InflationFed, EZB, Bank of England · PCE-PreisindexAArbeitsmarktArbeitslosenzahlen, BeschäftigungBKonsum und IndustrieHausverkäufe, Konsumdaten,Quartalszahlen großer UnternehmenCSituativz. B. Öl- und Gaslagerbeständebei geopolitischen Spannungen
Nicht jede Zahl bewegt den Markt gleich stark: Zinsen und Inflation stehen ganz oben, situative Daten ganz unten. Ignoriert wird nichts, aber nicht alles bekommt dieselbe Aufmerksamkeit. Quelle: eigene Darstellung, Carsten Umland.
Stufe Was dazugehört Warum es zählt
A+ Zinsentscheide von Fed, EZB und Bank of England, PCE-Inflationsdaten Zinsen sind der stärkste Hebel für die Bewertung von Aktien.
A Arbeitslosenzahlen, Beschäftigungsdaten Der zweite Teil des Fed-Mandats. Ein schwacher oder überhitzter Arbeitsmarkt verändert die Zinserwartungen.
B Hausverkäufe, Konsumdaten, Quartalszahlen großer Konsum- und Industrieunternehmen Sie zeigen, wie stark Verbraucher und Industrie tatsächlich ausgeben.
C Situative Daten, zum Beispiel Öl- und Gaslagerbestände bei geopolitischen Spannungen Wichtig, wenn ein bestimmtes Thema den Markt gerade beschäftigt, sonst eher Hintergrund.

Besonders die Quartalszahlen großer Unternehmen werden unterschätzt. Wenn große Konsumgüterhersteller oder Baumarktketten berichten, wie sich ihr Umsatz entwickelt, können Sie daraus ablesen, ob die Amerikaner mehr oder weniger ausgeben. Für die Industrie gilt dasselbe.

Das ist seit Mitte 2026 noch wichtiger geworden. Seit der Juni-Sitzung verzichtet die Fed weitgehend auf sogenannte Forward Guidance, also auf Hinweise zu künftigen Zinsschritten. Umso mehr müssen Sie aus den Daten selbst und aus den Zahlen der Unternehmen ableiten, wohin die Reise geht.

Warum ist die Erwartung wichtiger als die Zahl?

Weil die Kurse eine erwartete Nachricht meist schon vorwegnehmen. Bewegt wird der Markt nicht von der Zahl, sondern von der Abweichung zwischen Erwartung und Ergebnis.

Rechnen alle mit einer Zinserhöhung um einen Viertelpunkt, ist diese Erhöhung in den Kursen in der Regel längst enthalten. Kommt sie dann wie erwartet, passiert oft wenig. Was der Markt erwartet, sehen Sie zum Beispiel im FedWatch-Tool der CME Group. Es zeigt, mit welchem Zinsschritt die Marktteilnehmer bei den nächsten Sitzungen rechnen.

Eingepreist: Eine Nachricht ist eingepreist, wenn die Kurse sie bereits vorwegnehmen, weil die Anleger ihre Positionen schon vorher angepasst haben.

Dass eine Zinsentscheidung selbst überrascht, ist eher die Ausnahme. Die eigentlichen Überraschungen entstehen meist in der Pressekonferenz danach. Dort umschreibt der Notenbankchef mit diplomatischen Worten, wohin die Reise gehen könnte, worauf die Notenbank achtet und welche Daten sie heranzieht. Genau an dieser Stelle habe ich immer das Ohr am Markt.

Wie hängen Zinsen, Inflation und Aktien zusammen?

Steigt die Inflation, versucht die Notenbank in der Regel, mit höheren Zinsen gegenzusteuern. Höhere Zinsen machen Kredite und Investitionen für Unternehmen und Verbraucher teurer. Das bremst die Nachfrage und kann die Gewinnaussichten vieler Unternehmen dämpfen.

Inflation selbst breitet sich dabei aus wie ein Stein, der ins Wasser fällt. Die erste Welle spüren Sie an der Tankstelle, über die Energiepreise. Die zweite Welle erreicht die Industrie, deren Kosten steigen. Die dritte Welle sind die Löhne, wenn Beschäftigte und Gewerkschaften mehr Geld fordern, weil alles teurer geworden ist.

Für Aktien heißt das: Inflation trifft nicht alle Unternehmen gleich. Sie kann die Stärke zwischen den Sektoren verschieben. Eine feste Liste von Sektoren, die immer profitieren, gibt es aber nicht. Welche Sektoren gerade Stärke zeigen, prüfen Sie am besten selbst im Vergleich mit dem Gesamtmarkt, wie im Artikel Wo das Geld gerade hinfließt: Starke Sektoren erkennen beschrieben.

Sollten Sie Ihr Depot nach jeder Zinsentscheidung umbauen?

Nein. Zinsen und Inflation liefern den Hintergrund, vor dem Sie die Marktlage einordnen. Sie treiben mich aber nicht von einem Tag auf den anderen von einem Sektor in den nächsten.

Ausschlaggebend ist, wie der Markt auf die Daten reagiert: Trend, Volumen und wohin das Geld fließt. Wie Sie die Marktlage insgesamt einschätzen, lesen Sie im Leitartikel Ist jetzt ein guter Zeitpunkt? So erkennen Sie die Marktlage. Was Sie tun können, wenn eine Nachricht den Markt deutlich fallen lässt, steht in Was tun, wenn der Markt fällt?.

So gehe ich selbst vor

Zum Wochenstart schaue ich mir an, welche Daten und Termine in der Woche anstehen und wie ich sie gewichte. Steht ein Zinsentscheid an, prüfe ich vorher, was der Markt erwartet. Und am Tag selbst höre ich bei der Pressekonferenz zu, denn dort entstehen die Überraschungen.

Eine Situation habe ich noch genau vor Augen. Nach der langen Nullzinsphase kam die erste Zinserhöhung. Sie war erwartet und eingepreist, und der Markt blieb nach der Veröffentlichung ruhig. Ich saß im Wohnzimmer und dachte mir, ich schaue mal kurz in die Pressekonferenz. Dann sagte der Notenbankchef sinngemäß, man werde sich weiter an der Datenlage und der Inflation orientieren. Und auf einmal ging der Markt sprunghaft nach unten.

Jeder wusste, dass die Inflation angezogen hatte. Aber kaum jemand hatte auf dem Schirm, dass sie ein Dauerthema werden würde. Das hat mich selbst überrascht. Mein Plan B war klar: erst einmal die Gewinne in meinen Positionen enger absichern. Zum Glück saß ich in dem Moment vor dem Rechner. Wer so etwas erst am nächsten Morgen aus der Zeitung erfährt, hat die Chance verpasst, am Abend noch zu reagieren.

Ehrlich gesagt: Die Erwartungen der Marktteilnehmer richtig einzuschätzen, kann ein Anfänger kaum. Das kommt erst mit der eigenen Lernkurve. Was Sie aber von Anfang an tun können: die wichtigen Termine kennen, Ihre Stopps als echte Orders im Markt haben und an den Tagen mit A+-Terminen besonders aufmerksam sein.

Wie Sie Ihr Depot in einem inflationären Umfeld Schritt für Schritt ausrichten, vom großen Bild bis zur einzelnen Aktie, zeige ich im kostenlosen Praxis-Guide Was tun gegen Inflation? 3 Schritte für Ihr Depot.

Das Wichtigste in Kürze

  • Am wichtigsten sind Zinsentscheide (Fed, EZB, Bank of England), die Inflation nach dem PCE-Preisindex und der Arbeitsmarkt.
  • Gewichten statt ignorieren: von A+ (Zinsen, Inflation) bis C (situative Daten).
  • Bewegt wird der Markt von der Abweichung zwischen Erwartung und Ergebnis. Was erwartet wird, ist meist schon eingepreist.
  • Die eigentlichen Überraschungen entstehen oft in der Pressekonferenz, nicht in der Zinsentscheidung selbst.
  • Zinsen und Inflation sind der Hintergrund. Ausschlaggebend ist, wie der Markt darauf reagiert.

Häufige Fragen

Warum schaut die Fed auf den PCE-Preisindex und nicht auf den Verbraucherpreisindex?
Die Fed hat ihr Inflationsziel von 2 Prozent ausdrücklich am PCE-Preisindex festgemacht. Er bildet die Ausgaben der privaten Haushalte breiter ab als der bekanntere Verbraucherpreisindex (CPI). Wer verstehen will, wie die Fed denkt, sollte deshalb vor allem die PCE-Daten verfolgen.
Was bedeutet „eingepreist“ an der Börse?
Eingepreist heißt, dass die Kurse eine erwartete Nachricht bereits vorwegnehmen. Rechnen alle mit einer Zinserhöhung, haben die Anleger ihre Positionen schon vorher angepasst. Kommt sie dann wie erwartet, passiert oft wenig. Stark reagiert der Markt erst, wenn das Ergebnis von der Erwartung abweicht.
Wie wirken steigende Zinsen auf Aktien?
Steigende Zinsen machen Kredite und Investitionen für Unternehmen und Verbraucher teurer. Das kann die Nachfrage bremsen und die Gewinnaussichten dämpfen. Zugleich werden sichere Zinsanlagen im Vergleich zu Aktien attraktiver. Wie stark ein Markt reagiert, hängt aber vor allem davon ab, ob der Zinsschritt erwartet wurde.
Welche Sektoren profitieren von Inflation?
Inflation kann die Stärke zwischen den Sektoren verschieben, weil sie Unternehmen sehr unterschiedlich trifft. Eine feste Liste, die immer gilt, gibt es aber nicht. Welche Sektoren gerade Stärke zeigen, prüfen Sie am besten selbst im Vergleich mit dem Gesamtmarkt.
Woran erkenne ich, was der Markt von der nächsten Zinsentscheidung erwartet?
Ein frei zugängliches Hilfsmittel ist das FedWatch-Tool der CME Group. Es zeigt, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Marktteilnehmer bei den nächsten Sitzungen der Fed mit welchem Zinsschritt rechnen. So sehen Sie vorher, was eingepreist ist, und können eine Überraschung besser einordnen.

Quellen

  1. Federal Reserve: Statement on Longer-Run Goals and Monetary Policy Strategy (Stand 07/2026)
  2. Global Finance: Fed Scraps Forward Guidance Under Chair Kevin Warsh (Stand 08/2026)

Keine Anlageberatung. Dieser Artikel vermittelt Wissen über ein methodisches Vorgehen und ist keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Der Handel mit Wertpapieren ist mit Risiken verbunden. Kursverluste bis zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals sind möglich. Risikohinweis

Analysegespräch · kostenfrei

Sie wollen das auf Ihr eigenes Depot anwenden?

Im Analysegespräch schauen wir auf Ihre Ausgangslage – Kapital, Zeit, Erfahrung – und klären, welcher Weg für Sie passt. Rund 30 Minuten, telefonisch oder per Video.

Analysegespräch vereinbaren