Den Markt lesen

Steigt oder fällt der Markt? Woran Sie es sehen

Von Carsten Umland · Stand: · 9 Min. Lesezeit

Kurz beantwortet

Ob der Markt steigt oder fällt, sehen Sie an seinen Hochs und Tiefs. Ein Aufwärtstrend bildet steigende Hochpunkte und steigende Tiefpunkte, ein Abwärtstrend fallende Hochpunkte und fallende Tiefpunkte. Fällt der Index unter das letzte Strukturtief, ist der Aufwärtstrend zunächst neutralisiert. Schauen Sie dafür auf den Tageschart der letzten zwölf bis vierzehn Monate, nicht auf Minuten- oder Stundencharts.

Der Index fällt drei Tage hintereinander, und schon steht überall „Crash“. Eine Woche später ist von neuen Höchstständen die Rede. Wer jede Bewegung ernst nimmt, weiß am Ende nicht mehr, ob der Markt gerade steigt oder fällt. In diesem Artikel erfahren Sie, wie Sie die Richtung mit einem einfachen Prinzip selbst bestimmen – und welchen Chart Sie dafür brauchen.

Woran erkennen Sie einen Aufwärtstrend?

Ein Aufwärtstrend besteht aus steigenden Hochpunkten und steigenden Tiefpunkten. Jedes neue Hoch liegt über dem vorherigen, und jeder Rücklauf endet über dem vorherigen Tief.

Das ist die klassische Trendlehre nach der Dow-Theorie. Sie ist über hundert Jahre alt und trotzdem das Fundament, auf dem ich jeden Markt beurteile. Ein Abwärtstrend ist genau das Spiegelbild: fallende Hochpunkte und fallende Tiefpunkte.

Trend: Ein Trend ist eine Abfolge von Hoch- und Tiefpunkten in dieselbe Richtung. Steigen beide, ist der Trend aufwärts gerichtet. Fallen beide, ist er abwärts gerichtet.

Strukturtief: Das Strukturtief ist das letzte Tief, von dem der jüngste Anstieg gestartet ist. Solange der Index darüber bleibt, ist der Aufwärtstrend intakt.

Wann gilt ein Aufwärtstrend als gebrochen?

Ein Aufwärtstrend gilt als gebrochen, wenn der Index unter das letzte Strukturtief fällt. Danach gibt es zwei Möglichkeiten.

Was passiert Woran Sie es sehen Was es bedeutet
Neutrale Phase Der Index fällt unter das letzte Strukturtief, bildet aber noch keine klare Abfolge tieferer Hochs und Tiefs. Der Aufwärtstrend ist neutralisiert. Die Richtung ist offen.
Trendwechsel Auf steigende Hochs und Tiefs folgen fallende Hochs und fallende Tiefs. Aus dem Aufwärtstrend ist direkt ein Abwärtstrend geworden.

Die neutrale Phase wird oft übersehen. Nicht jeder Bruch ist sofort eine Wende. Manchmal fällt der Markt wie ein Stein unter das letzte Tief und läuft danach erst einmal seitwärts. Dann ist der Aufwärtstrend vorbei, ein Abwärtstrend aber noch nicht bestätigt.

Wie ein Aufwärtstrend endet: neutrale Phase oder TrendwechselSchematische Darstellung mit erfundenen Verläufen. Beide Seiten zeigen denselben Aufwärtstrend mit höheren Hochs und höheren Tiefs. Links fällt der Index unter das letzte Strukturtief und läuft danach seitwärts, der Trend ist neutral. Rechts folgen auf den Aufwärtstrend tiefere Hochs und tiefere Tiefs, es entsteht direkt ein Abwärtstrend.Neutrale PhaseAufwärtstrendletztes StrukturtiefHHHTTFällt unter das letzte Strukturtief,danach seitwärts: Trend neutralTrendwechselAufwärtstrendletztes StrukturtiefHHHTTHTHTTiefere Hochs und tiefere Tiefs:Abwärtstrend
Derselbe Aufwärtstrend, zwei mögliche Enden: Fällt der Index unter das letzte Strukturtief, ist der Trend zunächst neutral. Folgen tiefere Hochs und tiefere Tiefs, hat er direkt gedreht. H = Hoch, T = Tief. Schematische Darstellung, keine echten Kursdaten. Quelle: eigene Darstellung, Carsten Umland.

Welchen Chart sollten Sie sich anschauen?

Den Tageschart über die letzten zwölf bis vierzehn Monate. Nur so sehen Sie genug Historie, um die Richtung zu erkennen.

Für das ganz große Bild nehme ich zusätzlich einen Wochenchart über rund drei Jahre. Dort sehen Sie, wie tief der Index in der Vergangenheit üblicherweise korrigiert hat. Daran können Sie die aktuelle Lage messen: Bewegt sich eine Korrektur im gewohnten Rahmen, ist sie eher normal. Geht sie deutlich darüber hinaus, ist das ein Warnzeichen.

Chart Zeitraum Wofür
Tageschart 12–14 Monate Trendrichtung: steigende oder fallende Hochs und Tiefs
Wochenchart rund 3 Jahre Das ganz große Bild: Wie tief sind Korrekturen üblicherweise?

Minuten- und Stundencharts lasse ich für die Trendbestimmung bewusst weg. Sie zeigen jede Schwankung, aber nicht die Richtung.

Wie groß sollte der Chart sein?

So groß, dass Sie den Trend mit bloßem Auge erkennen, aber nicht so groß, dass Sie jede einzelne Kerze sehen.

Mein Test dafür: Wenn Sie Brillenträger sind, setzen Sie die Brille ab. Erkennen Sie noch die Aufwärtsbewegung und die Korrektur, aber nicht mehr die einzelnen Kerzen? Dann haben Sie die richtige Größe gefunden. Ein Trend, für den Sie den Chart stark vergrößern müssen, ist kein Trend, auf den Sie sich verlassen sollten.

Welche Rolle spielen die 100- und die 200-Tage-Linie?

Sie sind eine Orientierung, aber keine Definition des Trends. Ich schaue mir an, ob der Index über oder unter der 100- und der 200-Tage-Linie liegt. Das war es dann aber auch schon.

Diese Linien haben vor allem deshalb Gewicht, weil sehr viele Anleger auf sie achten. Es ist ein Stück weit eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Den Trend selbst bestimme ich nicht über die Linie, sondern über die Hoch- und Tiefpunkte. Ein Index über der 200-Tage-Linie ist also nicht automatisch im Aufwärtstrend. Was die 100-Tage-Linie bei einzelnen Aktien zeigt, lesen Sie in Die 100-Tage-Linie: Was sie zeigt und was nicht.

Woran erkennen Sie, dass der Markt wieder dreht?

Typisch sind zwei Dinge: nachlassende Volatilität und eine Seitwärtsphase bei fallendem Handelsvolumen.

In Abwärtsbewegungen ist die Volatilität meist hoch, der Markt bewegt sich hektisch. Beruhigt er sich danach, schwankt weniger und wird auch weniger gehandelt, verkauft kaum noch jemand weiter nach unten. Entweder lecken alle ihre Wunden, oder es hat schlicht niemand mehr Interesse, weiter zu verkaufen. So entsteht eine Art Vakuum, aus dem heraus eine neue Aufwärtsbewegung starten kann.

Wichtig ist der Konjunktiv: kann, nicht muss. Das ist kein Gesetz, sondern ein Muster, das sich häufig zeigt. Bestätigt ist ein neuer Aufwärtstrend erst, wenn wieder steigende Hochs und steigende Tiefs entstehen. Wie Sie umgekehrt erkennen, dass ein Aufwärtstrend kippen könnte, lesen Sie im Leitartikel Ist jetzt ein guter Zeitpunkt? So erkennen Sie die Marktlage.

Welche Fehler sollten Sie vermeiden?

  • Zu kleine Zeitebene: Viele schauen sich Indizes im 5-Minuten- oder Stundenchart an, weil sie glauben, so mehr Kontrolle zu haben. Der Chart wirkt aktueller, zeigt aber nicht die Richtung.
  • Zu wenig Historie: Wer nur die letzten fünf Tageskerzen sieht, kann keinen Trend erkennen. Ohne die vergangenen Monate fehlt der Maßstab.
  • Zu stark vergrößert: Wenn Sie jede Kerze beim Namen nennen können, verlieren Sie den Blick fürs Ganze.
  • Linie mit Trend verwechseln: Über der 200-Tage-Linie heißt nicht automatisch Aufwärtstrend. Entscheidend sind Hochs und Tiefs.
  • Jeden Bruch für eine Wende halten: Nach einem Bruch des Strukturtiefs ist der Trend zunächst neutral, nicht zwingend abwärts gerichtet.

So gehe ich selbst vor

Jeden Index schaue ich mir einzeln an: S&P 500, Nasdaq, Dow Jones. Zuerst im Tageschart über gut ein Jahr. Die Frage ist immer dieselbe: Steigen die Hochs und Tiefs, fallen sie, oder ist der Trend gerade neutral? Danach werfe ich einen Blick auf die 100- und die 200-Tage-Linie, als Orientierung, nicht als Entscheidung.

Wenn der Markt korrigiert, nehme ich mir den Wochenchart über rund drei Jahre dazu. Dort sehe ich, wie tief Korrekturen bei diesem Index üblicherweise ausfallen. Das hilft mir, ruhig zu bleiben, wenn eine Korrektur im gewohnten Rahmen bleibt. Und es zeigt mir früh, wenn etwas aus dem Rahmen fällt.

Den häufigsten Fehler sehe ich immer wieder: Der Chart ist so stark vergrößert, dass man fünf Tageskerzen sieht und sonst nichts. Das fühlt sich nach Kontrolle an, ist aber das Gegenteil. Je weiter Sie herauszoomen, desto klarer wird die Richtung.

Wenn Sie das üben wollen: Öffnen Sie den Tageschart des S&P 500 über die letzten vierzehn Monate und markieren Sie jedes Hoch und jedes Tief. Wiederholen Sie das eine Woche später. So bekommen Sie ein Gefühl dafür, wie ein Trend aussieht, ohne echtes Geld einzusetzen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Aufwärtstrend bildet steigende Hochs und Tiefs, ein Abwärtstrend fallende Hochs und Tiefs.
  • Fällt der Index unter das letzte Strukturtief, ist der Aufwärtstrend zunächst neutralisiert, aber noch nicht zwingend gedreht.
  • Schauen Sie auf den Tageschart über zwölf bis vierzehn Monate, für das große Bild auf den Wochenchart über rund drei Jahre.
  • Die 100- und die 200-Tage-Linie geben Orientierung, den Trend bestimmen aber die Hochs und Tiefs.
  • Nachlassende Volatilität und fallendes Volumen in einer Seitwärtsphase können eine Wende ankündigen – müssen es aber nicht.

Häufige Fragen

Was ist die Dow-Theorie?
Die Dow-Theorie ist die klassische Trendlehre an der Börse, benannt nach Charles Dow. Sie definiert einen Aufwärtstrend über steigende Hoch- und Tiefpunkte und einen Abwärtstrend über fallende Hoch- und Tiefpunkte. Auf dieser einfachen Definition baut bis heute fast jede Trendanalyse auf.
Welcher Chart eignet sich, um den Markttrend zu erkennen?
Der Tageschart über die letzten zwölf bis vierzehn Monate. Für das ganz große Bild eignet sich zusätzlich ein Wochenchart über rund drei Jahre. Minuten- und Stundencharts zeigen vor allem Schwankungen, aber nicht die Richtung des Marktes.
Ist der Markt im Aufwärtstrend, wenn er über der 200-Tage-Linie liegt?
Nicht automatisch. Die 100- und die 200-Tage-Linie zeigen, ob der Markt über oder unter einem längerfristigen Durchschnitt liegt. Weil sehr viele Anleger auf diese Linien schauen, haben sie Gewicht. Den Trend selbst bestimmen aber die Hoch- und Tiefpunkte.
Woran erkenne ich, dass eine Korrektur vorbei ist?
Typische Anzeichen sind nachlassende Volatilität und eine Seitwärtsphase bei fallendem Handelsvolumen. Dann verkauft kaum noch jemand weiter nach unten. Daraus kann eine neue Aufwärtsbewegung entstehen, sie muss aber nicht. Bestätigt ist der Aufwärtstrend erst, wenn wieder steigende Hochs und Tiefs entstehen.
Wie tief darf eine Korrektur gehen?
Dafür gibt es keine feste Zahl. Hilfreich ist der Vergleich mit der Vergangenheit: Im Wochenchart sehen Sie, wie tief der Index in den letzten Jahren üblicherweise korrigiert hat. Bleibt die aktuelle Korrektur in diesem Rahmen, ist sie eher normal. Geht sie deutlich darüber hinaus, ist Vorsicht angebracht.

Keine Anlageberatung. Dieser Artikel vermittelt Wissen über ein methodisches Vorgehen und ist keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Der Handel mit Wertpapieren ist mit Risiken verbunden. Kursverluste bis zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals sind möglich. Risikohinweis

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