Kaum eine Linie im Chart wird so oft genannt wie die 100- oder die 200-Tage-Linie. „Die Aktie ist an der 100-Tage-Linie abgeprallt“ – das klingt nach einer klaren Ansage. In der Praxis führt genau dieser Satz viele Anleger in die Irre. In diesem Artikel erfahren Sie, was die Linie Ihnen tatsächlich zeigt, wofür sie sich eignet und wo ihre Grenzen liegen.
Was ist die 100-Tage-Linie?
Die 100-Tage-Linie ist der Durchschnitt der Schlusskurse einer Aktie über die letzten 100 Handelstage. Jeden Tag kommt ein neuer Kurs hinzu und der älteste fällt heraus, deshalb „gleitet“ die Linie mit.
Gleitender Durchschnitt: Ein gleitender Durchschnitt ist der Durchschnittskurs über eine feste Zahl zurückliegender Tage, der täglich neu berechnet wird. Er glättet die täglichen Schwankungen und macht die Richtung des Trends sichtbar.
Steigt die Linie und liegt der Kurs darüber, ist die Aktie mittelfristig im Aufwärtstrend. Genau dafür nutze ich sie: als mittelfristige Trendgrenze. In meinem Filter für starke Aktien ist „Kurs über der 100-Tage-Linie“ deshalb eines der Grundkriterien, siehe In 15 Minuten aussieben: Diese Grundkriterien filtern das Gros heraus.
Warum die 100 und nicht die 50 oder die 200?
Weil sie genau zwischen kurzfristigem und langfristigem Trend liegt. Jede der drei Linien zeigt einen anderen Zeitraum, und das wirkt sich direkt auf die Rücksetzer aus.
| Linie | Zeigt | Rücksetzer bis zur Linie |
|---|---|---|
| 50-Tage-Linie | den kurzfristigen Trend | relativ kurz – die Linie folgt dem Kurs schnell |
| 100-Tage-Linie | den mittelfristigen Trend | mittel – das Maß, mit dem ich arbeite |
| 200-Tage-Linie | den langfristigen Trend | relativ lang – wer immer darauf wartet, wartet oft sehr lange |
Die 50-Tage-Linie reagiert schnell und wird deshalb häufig berührt, auch bei kleinen Schwankungen. Die 200-Tage-Linie zeigt den großen Trend sehr schön, liegt aber in einem gesunden Aufwärtstrend oft so weit unter dem Kurs, dass ein Rücksetzer bis dorthin selten ist. Die 100-Tage-Linie ist für mich das Mittel der Wahl.
Ist das Abprallen an der Linie ein Kaufsignal?
Nein. Das ist das häufigste Missverständnis rund um gleitende Durchschnitte. Die Linie ist kein Naturgesetz, an dem der Kurs abprallen muss.
Das einzige Naturgesetz an der Börse ist Angebot und Nachfrage. Alles andere – Linien, Indikatoren, Kerzen – ist eine Darstellung dieses Verhältnisses über einen bestimmten Zeitraum. Wer „prallt an der 100-Tage-Linie ab, also kaufe ich“ denkt, schaut auf die Darstellung, aber nicht auf die Mechanik dahinter.
Warum reagieren Kurse trotzdem oft an diesen Linien? Weil sehr viele Marktteilnehmer genau dorthin schauen. Wenn viele an derselben Stelle kaufen oder verkaufen, entsteht dort tatsächlich eine Bewegung – ein Stück weit eine selbsterfüllende Prophezeiung. Das ist der Grund, warum ich die 100- und die 200-Tage-Linie beachte. Ob aus der Reaktion mehr wird, zeigen aber erst Kursverlauf und Handelsvolumen. Wie das zusammenspielt, lesen Sie im Leitartikel Nicht hinterherlaufen: Einsteigen nach dem Rücksetzer.
Was bedeutet es, wenn eine Aktie unter die Linie rutscht?
Zunächst nur, dass sie unter ihrem Durchschnitt der letzten 100 Tage notiert. Ob das ein Problem ist, hängt davon ab, wie stark die Aktie üblicherweise schwankt.
Eine ruhige Aktie, die deutlich unter die Linie fällt, sendet ein anderes Signal als eine schwankungsfreudige, die für ein, zwei Tage knapp darunter rutscht und im Wochenverlauf wieder darüber steigt. Im zweiten Fall ist das schlicht die normale Schwankung dieser Aktie, kein Bruch.
Average True Range (ATR): Die ATR misst, wie weit eine Aktie im Durchschnitt pro Tag schwankt. Ich betrachte sie über rund einen Monat.
Mit der ATR können Sie einschätzen, ob ein Rutsch unter die Linie noch im üblichen Rahmen liegt. Dieselbe Überlegung brauchen Sie auch beim Stopp: Wie Sie ihn so setzen, dass die normale Schwankung ihn nicht ständig auslöst, lesen Sie in Stop-Loss setzen, ohne ständig ausgestoppt zu werden. Und wann aus einem Rücklauf tatsächlich ein Trendbruch wird, erklärt Rücksetzer oder Trendwende? Der Unterschied.
Worauf sollten Sie bei der Linie selbst achten?
Auf ihre Richtung. Eine Aktie kann über einer Linie liegen, die seitwärts läuft oder sogar fällt. Das ist etwas anderes als ein Kurs über einer steigenden Linie.
Am klarsten ist das Bild, wenn alle drei Linien steigen: die 50-, die 100- und die 200-Tage-Linie. Dann zeigen der kurz-, der mittel- und der langfristige Trend in dieselbe Richtung, und Sie haben es mit einem stabilen Aufwärtstrend zu tun.
Warum nur bei einzelnen Aktien?
Weil die Linie bei mir eine Rolle für den Einstieg spielt, und eingestiegen wird nur in einzelne Aktien. Sektoren betrachte ich ebenfalls jede Woche, aber dort geht es um die Lage: Welche Sektoren zeigen Stärke gegenüber dem Gesamtmarkt? Das messe ich über den Vergleich mit dem Index, nicht über eine Trendlinie. Wie das geht, lesen Sie in Wo das Geld gerade hinfließt: Starke Sektoren erkennen.
So gehe ich selbst vor
Die 100-Tage-Linie ist für mich ein Rahmen, kein Auslöser. Sie hilft mir beim Aussieben: Starke Aktien, die ich nach meiner Methode finde, liegen ohnehin fast immer darüber. Einstiege unter der 100-Tage-Linie bekomme ich deshalb in der Regel gar nicht erst präsentiert.
Was ich nie mache: eine Aktie kaufen, nur weil sie die Linie berührt. Wenn mich jemand fragt „Warum gerade die 100-Tage-Linie?“, merke ich oft, dass die Linie als festes Gesetz verstanden wird. Sie ist eine Hilfe, um das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf einen Blick zu sehen. Die eigentliche Entscheidung treffen Rücksetzer, Seitwärtsphase und Volumen.
Etwas, das ich früher nicht gemacht habe und heute schon: Ich schaue auf die Steigung. Steigt die 200-Tage-Linie, steigt die 100-Tage-Linie, und läuft im besten Fall auch die 50-Tage-Linie nach oben, dann weiß ich, dass alle drei Zeiträume in dieselbe Richtung zeigen. Das ist für mich das Bild eines stabilen Aufwärtstrends.
Rutscht eine Aktie kurz unter die Linie, gerate ich nicht in Hektik. Ich frage mich, ob das zur üblichen Schwankung der Aktie passt. Steigt sie im Wochenverlauf wieder darüber, war es Volatilität, kein Bruch.
Wie die 100-Tage-Linie mit den anderen Auswahlkriterien zusammenspielt, zeigt der kostenlose Praxis-Guide zur Umland-Methode.
Das Wichtigste in Kürze
- Die 100-Tage-Linie ist der Durchschnittskurs der letzten 100 Handelstage und zeigt den mittelfristigen Trend – zwischen der schnellen 50- und der langsamen 200-Tage-Linie.
- Sie ist kein Naturgesetz. Das Abprallen an der Linie ist kein Kaufsignal; entscheidend sind Angebot und Nachfrage, sichtbar in Kursverlauf und Volumen.
- Viele Anleger beachten die Linie, deshalb reagieren Kurse dort oft – ein Stück selbsterfüllende Prophezeiung.
- Ein kurzer Rutsch unter die Linie ist noch kein Trendbruch, wenn er zur üblichen Schwankung der Aktie passt.
- Am stabilsten ist ein Aufwärtstrend, wenn 50-, 100- und 200-Tage-Linie gemeinsam steigen.
Häufige Fragen
- Was bedeutet es, wenn eine Aktie über der 100-Tage-Linie liegt?
- Der aktuelle Kurs liegt über dem Durchschnitt der letzten 100 Handelstage. Steigt die Linie dabei selbst, befindet sich die Aktie mittelfristig im Aufwärtstrend. Für die Suche nach starken Aktien ist das eine Grundvoraussetzung, aber noch kein Grund für einen Einstieg.
- Ist ein Abprallen an der 100-Tage-Linie ein Kaufsignal?
- Nein. Die Linie selbst bewirkt nichts. Kurse entstehen aus Angebot und Nachfrage, und die Linie ist nur eine Darstellung davon. Dass viele Anleger an dieser Stelle reagieren, kann eine Bewegung auslösen – ob daraus mehr wird, zeigen erst Kursverlauf und Handelsvolumen.
- Was ist der Unterschied zwischen 50-, 100- und 200-Tage-Linie?
- Die 50-Tage-Linie zeigt den kurzfristigen Trend und reagiert schnell, die 200-Tage-Linie den langfristigen und reagiert langsam. Die 100-Tage-Linie liegt dazwischen und zeigt den mittelfristigen Trend. Je länger der Zeitraum, desto länger dauern auch die Rücksetzer, bis der Kurs die Linie erreicht.
- Ist eine Aktie unter der 100-Tage-Linie automatisch schwach?
- Nicht automatisch. Entscheidend ist, wie weit und wie lange sie darunter liegt – im Verhältnis dazu, wie stark die Aktie üblicherweise schwankt. Ein kurzer Rutsch unter die Linie, von dem sie sich innerhalb weniger Tage erholt, kann bei einer schwankungsfreudigen Aktie völlig normal sein.
- Nutzt man die 100-Tage-Linie auch für Sektoren?
- Ich nutze sie nur bei einzelnen Aktien, weil es dort um den Zeitpunkt des Einstiegs geht. Sektoren betrachte ich, um die Lage einzuschätzen: Welche zeigen Stärke gegenüber dem Gesamtmarkt? In einen Sektor selbst steige ich nicht ein, deshalb brauche ich dort keine Einstiegskriterien.
Keine Anlageberatung. Dieser Artikel vermittelt Wissen über ein methodisches Vorgehen und ist keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Der Handel mit Wertpapieren ist mit Risiken verbunden. Kursverluste bis zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals sind möglich. Risikohinweis