Einstieg und Ausstieg

Rücksetzer oder Trendwende? Der Unterschied

Von Carsten Umland · Stand: · 10 Min. Lesezeit

Kurz beantwortet

Ein Rücksetzer bleibt über dem Strukturtief, also über dem letzten Tief, von dem aus der jüngste Anstieg gestartet ist. Fällt der Kurs darunter, ist der Aufwärtstrend gebrochen, und aus dem Rücksetzer ist eine mögliche Trendwende geworden. Das Handelsvolumen hilft bei der Einordnung: Ebbt es im Rücklauf ab, verlieren die Verkäufer an Kraft. Bleibt es hoch, ist die Abwärtsbewegung noch nicht vorbei.

Ihre Aktie ist gut gelaufen, und jetzt fällt sie. Ist das nur eine Verschnaufpause, nach der es weitergeht? Oder ist der Anstieg vorbei? Wer das nicht unterscheiden kann, steigt entweder bei jedem normalen Rücklauf panisch aus oder hält an einer Aktie fest, deren Trend längst gekippt ist. In diesem Artikel erfahren Sie, an welchen zwei Dingen Sie den Unterschied festmachen können.

Was ist der Unterschied zwischen Rücksetzer und Trendwende?

Ein Rücksetzer ist eine Gegenbewegung, nach der der Aufwärtstrend weiterläuft. Eine Trendwende beendet den Aufwärtstrend. Von außen sehen beide anfangs gleich aus: Der Kurs fällt.

Der Unterschied zeigt sich erst im Verlauf. Wie der Einstieg nach einem echten Rücksetzer funktioniert, lesen Sie im Leitartikel Nicht hinterherlaufen: Einsteigen nach dem Rücksetzer. Hier geht es um die Frage davor: Ist es überhaupt noch ein Rücksetzer?

Aufwärtstrend: Ein Aufwärtstrend besteht, solange eine Aktie höhere Hochs und höhere Tiefs bildet – jeder Rücklauf endet also über dem Tief des vorherigen.

Ab wann ist ein Rücksetzer keiner mehr?

Sobald der Kurs unter das Strukturtief fällt. Dann ist der Aufwärtstrend gebrochen, und für mich ist das Thema an dieser Stelle erledigt.

Strukturtief: Das Strukturtief ist das letzte Tief, von dem aus der jüngste Anstieg gestartet ist. Solange der Kurs darüber bleibt, ist der Aufwärtstrend intakt.

Das klingt streng, und es ist auch so gemeint. Ein Aufwärtstrend lebt davon, dass die Tiefs steigen. Fällt der Kurs unter das letzte Tief, gilt diese Bedingung nicht mehr. Dann gibt es keinen Grund mehr, auf eine Fortsetzung zu hoffen.

Spannend ist: Das ideale Szenario läuft oft bis dicht an dieses Strukturtief heran, ohne es zu brechen. Das wirkt zunächst bedrohlich, hat aber einen großen Vorteil. Fast die gesamte Strecke des Rücklaufs kann danach zur neuen Aufwärtsbewegung werden, und der Stopp hat einen eindeutigen Platz – knapp unter dem Strukturtief.

Was verrät das Handelsvolumen?

Ob die Verkäufer noch aktiv sind. Das Volumen ist deshalb der wichtigste Begleiter, während der Kurs fällt.

Beobachtung im Rücklauf Was es bedeutet
Volumen bleibt hoch, auch nach einem tiefen Rücklauf Die Abwärtsbewegung ist noch aktiv. Hier wird nicht gekauft, egal wie weit der Kurs schon gefallen ist.
Volumen trocknet aus Die Verkäufer verlieren an Kraft. Der Kurs beginnt meist, sich seitwärts zu bewegen.
Seitwärtsphase, dann Ausbruch nach oben mit anziehendem Volumen Käufer kommen zurück. Der Rücksetzer scheint beendet.
Kurs bricht unter das Strukturtief, Volumen hoch Der Aufwärtstrend ist gebrochen.

Ein Beispiel: Eine Aktie hat drei Viertel ihres letzten Anstiegs wieder abgegeben, und das alles unter hohem Volumen. Ob das im Verhältnis zum Anstieg davor viel oder wenig ist, spielt dann keine Rolle. Sie würden in eine Abwärtsbewegung hineinkaufen, die noch läuft. Worauf es ankommt, ist der Moment, in dem das Volumen austrocknet.

Dafür brauchen Sie keine Indikatoren. Ein Tageschart mit dem Handelsvolumen darunter reicht völlig.

Rücksetzer und Trendwende im VergleichSchematische Darstellung mit erfundenen Verläufen, zwei Aktien nach demselben Anstieg. Links ein Rücksetzer: Der Kurs läuft bis kurz vor das Strukturtief zurück, bleibt aber darüber, das Handelsvolumen ebbt in der Seitwärtsphase ab und zieht beim Ausbruch nach oben wieder an. Rechts eine Trendwende: Der Kurs fällt unter das Strukturtief, und das Handelsvolumen bleibt dabei hoch.RücksetzerStrukturtiefTief bleibt über demStrukturtief, Volumen ebbt abTrendwendeStrukturtiefBruch unter das Strukturtief,Volumen bleibt hoch
Derselbe Anstieg, zwei Ausgänge: Hält das Strukturtief und trocknet das Volumen aus, ist es ein Rücksetzer. Fällt der Kurs darunter und bleibt das Volumen hoch, ist der Aufwärtstrend gebrochen. Schematische Darstellung, keine echten Kursdaten. Quelle: eigene Darstellung, Carsten Umland.

Ist eine gefallene Aktie nicht einfach günstig?

Nein. Das ist der häufigste Denkfehler beim Thema Rücksetzer. Eine Aktie, die stark gefallen ist, ist nicht günstig, sondern schwach.

Beim Einstieg nach einem Rücksetzer kaufen Sie Stärke in einer Gegenbewegung: eine Aktie, die im Aufwärtstrend ist, kurz Luft holt und dann weiterläuft. Wer eine Aktie kauft, weil sie „so billig wie lange nicht“ ist, kauft dagegen Schwäche – und hofft auf eine Bodenbildung. Beides sieht auf den ersten Blick ähnlich aus, ist aber etwas völlig anderes.

Was ist, wenn der Gesamtmarkt kippt?

Dann ist Aufmerksamkeit gefragt, aber keine Panik. Ein fallender Markt zieht in der Regel auch starke Aktien mit nach unten. Die Frage ist, wie stark.

Häufig zeigt sich genau in solchen Phasen, welche Aktien wirklich stark sind: Sie verlieren weniger als der Markt oder halten sich auffällig gut. Das ist relative Stärke in ihrer deutlichsten Form. Ein schwacher Gesamtmarkt ist deshalb ein Grund, genauer hinzuschauen – die Entscheidung trifft aber weiterhin das Strukturtief und der Stopp darunter.

Welche Rolle spielen die 100- und die 200-Tage-Linie?

Sie sind ein Hinweis, aber nicht das Kriterium. Ich beachte beide Linien, und zwar vor allem, weil sehr viele Marktteilnehmer genau auf sie schauen. Wenn viele an derselben Stelle reagieren, entsteht dort eine Bewegung – ein Stück weit eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Für die Auswahl spielt die 100-Tage-Linie ohnehin eine Rolle: Starke Aktien liegen in aller Regel darüber. Ein Rücksetzer, der eine Aktie unter diese Linie drückt, ist deshalb ein Warnsignal. Was die Linie zeigt und was nicht, erklärt der Artikel Die 100-Tage-Linie: Was sie zeigt und was nicht.

So gehe ich selbst vor

Meine Faustregel ist einfach: Fällt der Kurs unter das Strukturtief, ist es kein Rücksetzer mehr. Bis dahin beobachte ich vor allem das Handelsvolumen. Solange im Rücklauf mit hohem Volumen verkauft wird, warte ich, ganz gleich, wie weit der Kurs schon zurückgekommen ist. Interessant wird ein Rücksetzer für mich ohnehin erst, wenn er grob bis an die Hälfte des letzten Anstiegs zurückgelaufen ist.

Natürlich werde auch ich ausgestoppt, und manchmal zeigt sich danach, dass es doch nur ein Rücksetzer war. Dann frage ich mich: Stimmt das Gesamtbild noch? Ist der Markt stark, der Sektor stark und die Aktie eigentlich auch, dann lag es an meinem Timing, nicht an der Aktie. Dieses Feedback nehme ich vom Markt mit. Ich lege dieselben Kriterien wieder an, und wenn sie erneut erfüllt sind – Seitwärtsphase, Ausbruch, anziehendes Volumen –, kommt die Aktie wieder auf den Plan. Wie der Stopp so sitzt, dass Sie nicht bei jedem normalen Rücklauf herausfliegen, lesen Sie in Stop-Loss setzen, ohne ständig ausgestoppt zu werden.

Den häufigsten Denkfehler höre ich im Mentoring fast wörtlich so: „Guck mal, wie weit die zurückgekommen ist, so billig kriegst du die nie wieder.“ Dann schaue ich auf den Chart, und der verläuft von oben links nach unten rechts. Also genau das Gegenteil von dem, was ich suche. Danach kommt meist das Argument mit der Bodenbildung. Meine Antwort ist immer dieselbe: Es geht nicht darum, Schwäche zu kaufen, sondern Stärke in einem Rücksetzer. Diese beiden Dinge werden ständig verwechselt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Rücksetzer bleibt über dem Strukturtief. Fällt der Kurs darunter, ist der Aufwärtstrend gebrochen.
  • Das Handelsvolumen zeigt, ob die Verkäufer noch aktiv sind: Hohes Volumen im Rücklauf heißt abwarten, austrocknendes Volumen heißt beobachten.
  • Eine stark gefallene Aktie ist nicht günstig, sondern schwach. Gekauft wird Stärke im Rücksetzer, nicht Schwäche.
  • Ein fallender Gesamtmarkt ist ein Grund zur Aufmerksamkeit, nicht zur Panik. Starke Aktien zeigen sich oft gerade dann.
  • Nach einem Stopp kann eine Aktie wieder interessant werden, wenn das Gesamtbild stimmt und dieselben Kriterien erneut erfüllt sind.

Häufige Fragen

Woran erkenne ich eine Trendwende bei einer Aktie?
Ein Aufwärtstrend ist gebrochen, wenn der Kurs unter das Strukturtief fällt, also unter das letzte Tief, von dem aus der jüngste Anstieg gestartet ist. Begleitet ein anhaltend hohes Handelsvolumen diesen Rückgang, spricht das zusätzlich dafür, dass die Verkäufer das Ruder übernommen haben.
Ist eine Aktie günstig, wenn sie stark gefallen ist?
Nicht im Sinne eines Einstiegs nach einem Rücksetzer. Eine Aktie, deren Chart von oben links nach unten rechts verläuft, ist schwach, nicht günstig. Beim Einstieg nach einem Rücksetzer geht es darum, Stärke in einer Gegenbewegung zu kaufen – nicht darum, Schwäche zu kaufen, weil der Kurs niedrig aussieht.
Was passiert mit starken Aktien, wenn der Gesamtmarkt fällt?
Sie fallen meist mit, aber oft weniger stark als der Markt. Genau darin zeigt sich ihre relative Stärke. Ein fallender Gesamtmarkt ist deshalb ein Grund, eine Position aufmerksam zu beobachten, aber für sich allein noch kein Beleg dafür, dass ihr Trend gebrochen ist.
Sollte man nach einem Stopp wieder in dieselbe Aktie einsteigen?
Das kann methodisch sinnvoll sein, wenn das Gesamtbild noch stimmt: Markt, Sektor und Aktie sind weiterhin stark, nur das Timing war unglücklich. Dann gelten dieselben Kriterien wie beim ersten Mal – Rücklauf, austrocknendes Volumen, Seitwärtsphase, Ausbruch mit anziehendem Volumen. Ist dagegen das Strukturtief gebrochen, ist der Trend zunächst vorbei.
Welche Rolle spielen die 100- und die 200-Tage-Linie?
Sie zeigen den übergeordneten Trend und werden von sehr vielen Marktteilnehmern beobachtet. Deshalb reagieren Kurse an diesen Linien häufig, ein Stück weit als selbsterfüllende Prophezeiung. Für die Frage Rücksetzer oder Trendwende sind sie ein Hinweis, das eigentliche Kriterium bleibt das Strukturtief.

Keine Anlageberatung. Dieser Artikel vermittelt Wissen über ein methodisches Vorgehen und ist keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Der Handel mit Wertpapieren ist mit Risiken verbunden. Kursverluste bis zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals sind möglich. Risikohinweis

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