Einstieg und Ausstieg

Wann verkaufen? Gewinne laufen lassen, Verluste nicht

Von Carsten Umland · Stand: · 7 Min. Lesezeit

Kurz beantwortet

Verkaufen Sie nicht nach Gefühl, sondern nach Regeln, die Sie vor dem Einstieg festgelegt haben. Den Verlust begrenzt der Stopp, und er wandert nur nach oben. Gewinne lassen Sie laufen, bis der nachgezogene Stopp Sie aus dem Markt nimmt. Früher aussteigen oder enger absichern ist sinnvoll, wenn sich das Umfeld ändert: Der Sektor verliert an Stärke, der Gesamtmarkt kippt oder das Handelsvolumen im Anstieg ebbt ab.

Sie haben eine Aktie, die gut läuft. Jeden Tag schauen Sie auf den Gewinn und fragen sich, ob Sie ihn jetzt sichern sollten, bevor er wieder weg ist. Bei der anderen Aktie im Depot, die im Minus liegt, stellen Sie sich diese Frage dagegen nicht – die kommt schon wieder. Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, sind Sie in guter Gesellschaft. In diesem Artikel erfahren Sie, warum dieses Verhalten so teuer ist und wie Sie den Verkauf stattdessen nach Regeln entscheiden.

Warum ist der Verkauf schwieriger als der Kauf?

Weil beim Verkauf das Ergebnis endgültig wird. Solange Sie eine Aktie halten, ist ein Verlust nur ein Buchverlust und ein Gewinn nur ein Buchgewinn. Mit dem Verkauf wird beides real – und genau das fühlt sich bei Gewinnen und Verlusten völlig unterschiedlich an.

Die meisten Menschen sind leidensfähig im Verlust, aber nicht im Gewinn. Einen Verlust auszusitzen fällt ihnen leichter, als einen Gewinn laufen zu lassen. Sie nehmen lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach: kleine Gewinne sofort, Verluste dagegen lange.

Was passiert, wenn Sie Gewinne zu früh mitnehmen?

Sie drehen das Verhältnis von Chance und Risiko um. An der Börse wollen Sie kleine Verluste und große Gewinne. Wer Gewinne früh mitnimmt und Verluste laufen lässt, bekommt das Gegenteil: viele kleine Gewinne und wenige große Verluste.

Das Gefährliche daran: Man kann damit sehr oft richtig liegen und trotzdem verlieren. Riskieren Sie bei jedem Trade ein Vielfaches dessen, was Sie im Gewinnfall mitnehmen, reicht ein einziger Fehler, um eine lange Reihe von Erfolgen auszulöschen.

Gewinne früh mitnehmen oder laufen lassen: zwei VerhaltensmusterSchematische Darstellung ohne echte Zahlen, je elf Trades als Balken. Links werden Gewinne früh mitgenommen und Verluste ausgesessen: zehn kleine Gewinne, dann ein großer Verlust, der sie alle aufzehrt. Rechts werden Verluste früh begrenzt und Gewinne laufen gelassen: viele kleine Verluste, aber wenige große Gewinne, die das Ergebnis tragen.Gewinne früh mitnehmen,Verluste laufen lassenEin einziger Verlust frisstviele kleine Gewinne auf.Verluste begrenzen,Gewinne laufen lassenViele kleine, begrenzte Verluste –wenige Gewinne tragen das Ergebnis.GEWINNVERLUST
Dieselbe Zahl an Trades, umgekehrtes Verhalten: Wer kleine Gewinne mitnimmt und Verluste aussitzt, kann fast immer richtig liegen und trotzdem alles verlieren. Schematische Darstellung, keine echten Ergebnisse. Quelle: eigene Darstellung, Carsten Umland.

Chance-Risiko-Verhältnis: Das Chance-Risiko-Verhältnis beschreibt, wie groß der mögliche Gewinn eines Trades im Verhältnis zum möglichen Verlust ist. Ein positives Verhältnis bedeutet, dass der mögliche Gewinn größer ist als das Risiko.

Wer entscheidet über den Verkauf: Sie oder der Stopp?

Im Idealfall der Stopp – nach Regeln, die Sie vorher festgelegt haben. Ich platziere in der Regel kein festes Gewinnziel im Markt. Stattdessen arbeite ich mit einem Stopp, der zuerst das Risiko begrenzt und danach die Gewinne absichert. Er bewegt sich nur nach oben, nie nach unten. Wie das funktioniert, lesen Sie in Stop-Loss setzen, ohne ständig ausgestoppt zu werden.

Hat eine Aktie ihren Zielbereich erreicht, versuche ich, den Ausstieg zu provozieren: Ich ziehe den Stopp enger nach, bis der Markt mich herausnimmt. So entscheidet nicht meine Nervosität, wann ich verkaufe, sondern die tatsächliche Gegenbewegung. Wo der Zielbereich liegt, hängt vom einzelnen Trading-Szenario ab.

Zwei Dinge sollten Sie dabei nie tun: den Stopp nach unten verschieben, wenn die Aktie gegen Sie läuft, und einen Verlust-Trade kurzerhand zur langfristigen Anlage erklären. Beides hebelt Ihre eigene Absicherung aus.

Wann ist ein früherer Verkauf sinnvoll?

Wenn sich das Umfeld ändert. Eine Aktie steigt selten allein. Sie profitiert vom Rückenwind ihres Sektors und des Gesamtmarkts. Lässt dieser Rückenwind nach, ändert sich auch die Lage der Aktie.

Signal Was es bedeutet Wie ich reagiere
Handelsvolumen ebbt im Anstieg ab Das Interesse lässt nach, die Bewegung verliert an Kraft. Im Zielbereich: Gewinne enger absichern oder teilweise mitnehmen.
Sektor verliert an Stärke Der Rückenwind lässt nach, das Geld wandert weiter. Hat sich der Trade noch kaum bewegt: Risiko reduzieren. Liegt er deutlich im Plus: enger absichern.
Gesamtmarkt wird schwächer Auch starke Aktien geraten unter Druck. Trägt die Aktie die Schwäche mit, das Risiko reduzieren. Hält sie sich gut, beobachten.

Wie Sie erkennen, dass ein Sektor seinen Vorsprung verliert, lesen Sie in Sektorrotation einfach erklärt.

Was ist mit Aktien, die über das Ziel hinauslaufen?

Die lasse ich laufen. Läuft eine Aktie über den Zielbereich hinaus, habe ich mein Ziel für dieses Trading-Szenario erreicht und muss nichts mehr tun. Weil der Einstieg dann weit unter dem aktuellen Kurs liegt, kann die Position wieder mehr Luft bekommen. So wird aus einem kurzfristigen Trade manchmal eine längerfristige Position.

Für solche Positionen gelten etwas andere Maßstäbe. Ich halte sie, solange der langfristige Trend intakt ist und das Unternehmen fundamental überzeugt. Ist der langfristige Trend gebrochen, trenne ich mich, weil dann auch die Schwankungen größer werden. Noch wichtiger ist aber die fundamentale Seite:

  • Das Geschäftsmodell verändert sich.
  • Umsatz oder Gewinn brechen ein.
  • An der Spitze des Unternehmens gibt es einen Wechsel.

Keines dieser Signale bedeutet für mich automatisch: sofort verkaufen. Aber jedes ist ein Grund, die Gewinne deutlich enger abzusichern. Welche Zahlen fundamental wirklich zählen, lesen Sie in Gewinn- und Umsatzwachstum: Welche Zahlen wirklich zählen.

So gehe ich selbst vor

Für mich gibt es beim Verkauf eine klare Reihenfolge: erst das Risiko minimieren, dann die Gewinne maximieren. Den Verkauf überlasse ich, wo immer möglich, dem nachgezogenen Stopp. Im Zielbereich ziehe ich ihn enger, bis der Markt mich herausnimmt. Ebbt dort das Volumen ab und spricht alles dafür, dass die Bewegung nachlässt, nehme ich auch mal Gewinne oder Teilgewinne mit. Läuft die Aktie weiter, lasse ich sie laufen.

Einen Satz höre ich im Mentoring immer wieder: „Ich hatte so eine tolle Phase, alles lief gut – und dann kamen zwei Trades und haben alle Gewinne aufgefressen.“ Wenn ich das höre, weiß ich meistens schon, woran es liegt. Zwei Trades können eine gute Phase von Wochen oder Monaten nur dann auffressen, wenn eins von zwei Dingen passiert ist. Entweder waren die Positionen nach der guten Phase zu groß, weil das Selbstvertrauen gewachsen ist. Oder die Gewinne wurden die ganze Zeit zu früh mitgenommen, während die Verluste laufen durften. In beiden Fällen fehlt kein Gespür für den Markt, sondern ein festes Risiko- und Trade-Management.

Wie alles mit dem Einstieg beginnt, lesen Sie im Leitartikel Nicht hinterherlaufen: Einsteigen nach dem Rücksetzer.

Das Wichtigste in Kürze

  • Viele Anleger sind leidensfähig im Verlust, aber nicht im Gewinn: Sie nehmen kleine Gewinne früh mit und sitzen Verluste aus. Das dreht das Chance-Risiko-Verhältnis um.
  • Wer viel riskiert und wenig mitnimmt, kann sehr oft richtig liegen und trotzdem verlieren.
  • Den Verkauf übernimmt im Idealfall der nachgezogene Stopp. Im Zielbereich wird er enger gezogen, bis der Markt den Ausstieg auslöst.
  • Ändert sich das Umfeld – Sektor, Gesamtmarkt, Volumen –, ist ein früherer Ausstieg oder eine engere Absicherung sinnvoll.
  • Läuft eine Aktie über das Ziel hinaus, darf sie laufen. Längerfristige Positionen werden enger abgesichert, wenn Trend oder Fundamentaldaten nicht mehr passen.

Häufige Fragen

Wann sollte man Aktien mit Gewinn verkaufen?
Wenn die Bewegung, an der Sie teilhaben, nachlässt – nicht dann, wenn Sie sich über den Gewinn freuen. Hinweise darauf sind ein abebbendes Handelsvolumen im Anstieg, ein Sektor, der an Stärke verliert, oder ein schwächerer Gesamtmarkt. Statt aktiv zu verkaufen, kann es sinnvoll sein, den Stopp enger nachzuziehen und den Markt den Ausstieg auslösen zu lassen.
Warum verkaufen viele Anleger Gewinne zu früh?
Weil es sich leichter anfühlt, einen kleinen Gewinn sicher zu haben, als ihn wieder zu riskieren – nach dem Motto: lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Verluste dagegen werden ausgesessen, weil das Verkaufen den Fehler endgültig machen würde. Das Ergebnis ist genau das umgekehrte Verhältnis von Chance und Risiko, das an der Börse nötig wäre.
Sollte man ein Kursziel für den Verkauf setzen?
Ein Zielbereich hilft bei der Planung, eine feste Verkaufsorder dort ist aber nicht zwingend. Ich platziere in der Regel kein festes Gewinnziel im Markt, sondern arbeite mit einem Stopp, der erst das Risiko begrenzt und dann die Gewinne absichert. So nimmt mich nicht ein vorher festgelegter Kurs aus dem Markt, sondern erst die tatsächliche Gegenbewegung.
Warum verliere ich nach einer guten Phase plötzlich alle Gewinne?
Wenn zwei Trades die Gewinne von Wochen oder Monaten aufzehren, liegt das fast immer an einem von zwei Gründen: Die Positionen waren nach der guten Phase zu groß, oder die Gewinne wurden zuvor stets zu früh mitgenommen, während die Verluste laufen durften. Beides lässt sich mit festen Regeln für Positionsgröße und Stopp verhindern.
Wann verkauft man eine langfristige Aktienposition?
Wenn der langfristige Trend nicht mehr intakt ist oder sich die fundamentale Grundlage ändert: das Geschäftsmodell verschiebt sich, Umsatz oder Gewinn brechen ein, an der Spitze des Unternehmens gibt es einen Wechsel. Nicht jedes dieser Signale bedeutet sofort verkaufen, aber jedes ist ein Grund, die Gewinne enger abzusichern.

Keine Anlageberatung. Dieser Artikel vermittelt Wissen über ein methodisches Vorgehen und ist keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Der Handel mit Wertpapieren ist mit Risiken verbunden. Kursverluste bis zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals sind möglich. Risikohinweis

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