Einstieg und Ausstieg

Nicht hinterherlaufen: Einsteigen nach dem Rücksetzer

Von Carsten Umland · Stand: · 11 Min. Lesezeit

Kurz beantwortet

Nach einem Rücksetzer bietet sich der Einstieg an, wenn eine Aktie im intakten Aufwärtstrend zurückgelaufen ist, sich danach einige Tage seitwärts bewegt und dann mit wieder anziehendem Handelsvolumen aus dieser Seitwärtsphase nach oben ausbricht. Der Vorteil gegenüber dem Hinterherlaufen: Der erste Stopp liegt unter dem Tief der Seitwärtsphase und damit nah am Einstieg. Das Risiko ist begrenzt, bevor Sie überhaupt einsteigen.

Sie sehen eine Aktie, die seit Wochen steigt, und haben das Gefühl, etwas zu verpassen. Also steigen Sie ein – und kurz darauf fällt sie zurück. Entweder greift Ihr Stopp, oder er liegt so weit weg, dass Sie jeden Tag mit einem mulmigen Gefühl ins Depot schauen. In diesem Artikel erfahren Sie, warum der bessere Zeitpunkt meist nach dem Rücksetzer kommt und woran Sie ihn erkennen.

Was ist ein Rücksetzer?

Ein Rücksetzer ist eine vorübergehende Gegenbewegung in einem bestehenden Trend. Eine steigende Aktie gibt einen Teil ihres Anstiegs wieder ab, bevor sie in die ursprüngliche Richtung weiterläuft.

Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern normal. Kein Markt steigt in einer geraden Linie. Nach einem kräftigen Anstieg nehmen Anleger Gewinne mit, der Kurs gibt nach, und neue Käufer warten auf bessere Preise.

Korrektur-Trading: Korrektur-Trading bedeutet, in einen bestehenden Aufwärtstrend nicht während des Anstiegs einzusteigen, sondern nach einer Korrektur, also nach einem Rücksetzer. Genau so arbeite ich.

Die Voraussetzung ist immer ein intakter Trend. Ein Rücksetzer in einer Aktie, die ohnehin schwach ist, ist keine Gelegenheit, sondern oft der Beginn eines weiteren Abstiegs. Deshalb steht vor dem Einstieg die Auswahl: Wo das Geld gerade hinfließt: Starke Sektoren erkennen und In 15 Minuten aussieben: Diese Grundkriterien filtern das Gros heraus.

Warum sollten Sie einer Aktie nicht hinterherlaufen?

Weil Sie dann zum ungünstigsten Zeitpunkt einsteigen: nach einem längeren Anstieg und mit großem Abstand zur letzten Stelle, an der Sie einen sinnvollen Stopp setzen können.

Wer im laufenden Anstieg einsteigt, kauft dort, wo andere bereits Gewinne mitnehmen wollen. Kommt dann der Rücksetzer, stehen Sie sofort im Minus. Setzen Sie den Stopp eng, werden Sie vom normalen Rücklauf ausgestoppt. Setzen Sie ihn weit, riskieren Sie pro Aktie deutlich mehr. Beides ist unbefriedigend.

Nach dem Rücksetzer ist die Lage umgekehrt: Der Kurs hat einen Teil des Anstiegs abgegeben, die Verkäufer haben sich ausgetobt, und unter der aktuellen Seitwärtsphase gibt es ein klares Tief. Dort gehört der Stopp hin – und er liegt nah am Einstieg.

Woran erkennen Sie, dass ein Rücksetzer zu Ende ist?

Am Zusammenspiel von zwei Dingen: der Tiefe des Rücklaufs im Verhältnis zur vorangegangenen Bewegung und dem Handelsvolumen. Keins von beiden reicht allein.

Die Tiefe: Ich messe den Rücksetzer nicht in Prozent, sondern im Verhältnis zum Anstieg davor. Ein Markt muss sich erfahrungsgemäß spürbar leerlaufen, bevor er wieder Kraft hat – grob bis an die Hälfte der vorangegangenen Bewegung. Ein Rücksetzer von zwei Tagen nach einem monatelangen Anstieg ist meist noch nicht der richtige.

Das Volumen: Das Handelsvolumen zeigt, wie viel an der Börse tatsächlich gekauft und verkauft wird. Es verrät, ob hinter einer Bewegung echte Aktivität steckt.

Phase Handelsvolumen Was es Ihnen sagt
Anstieg ebbt ab Warnzeichen: Das Interesse lässt nach, der Kurs steigt nur noch technisch.
Rücksetzer hoch Es wird noch verkauft. Hier lohnt sich kein Hinschauen.
Seitwärtsphase nach dem Rücksetzer ebbt ab Der Verkaufsdruck lässt nach, die Marktteilnehmer orientieren sich neu. Jetzt wird es interessant.
Ausbruch nach oben zieht wieder an Die Aktivität kehrt zurück, der Trend scheint sich fortzusetzen.

Wird eine Aktie auch nach einem tiefen Rücklauf noch unter hohem Volumen abverkauft, ist der Rücksetzer nicht zu Ende. Dann warte ich, auch wenn die Aktie schon „günstig“ aussieht.

Was löst den Einstieg aus?

Der Ausbruch aus der Seitwärtsphase nach oben, begleitet von wieder anziehendem Handelsvolumen. Das ist der Moment, in dem es so aussieht, als seien Rücksetzer und Seitwärtsphase vorbei und der Trend setze sich fort.

Konsolidierung: Eine Konsolidierung ist eine Seitwärtsphase nach einer Bewegung, in der sich der Kurs über mehrere Tage in einer engen Spanne hält, während das Handelsvolumen abnimmt.

Wichtig ist das Wort „mehrere“. Eine Konsolidierung ist im Tageschart nicht ein Tag, sondern meist eine ganze Reihe von Tagen. Und der Ausbruch daraus ist deshalb auch selten eine einzelne Kerze, sondern das Ergebnis dieser Phase: Erst ebbt die Aktivität ab, dann kommt sie zurück und hebt den Kurs aus der Spanne.

Einsteigen nach dem Rücksetzer: Ablauf und HandelsvolumenSchematische Darstellung mit erfundenem Verlauf: Eine Aktie steigt, setzt unter hohem Handelsvolumen zurück und bewegt sich danach einige Tage seitwärts, während das Volumen abebbt. Dann löst sie sich mit wieder anziehendem Volumen nach oben. Wer dort einsteigt, hat den ersten Stopp unter dem Tief der Konsolidierung nah am Einstieg. Wer erst nach weiteren Bestätigungen einsteigt, kauft deutlich höher und hat den Stopp weit entfernt.AnstiegRücksetzerKonsolidierungFortsetzungErster Stoppunter dem TiefNach „Bestätigung“Stopp weit wegEinstieg beim AusbruchStopp nah dranHandelsvolumenhoch · abebbend ·zieht wieder anTageschart, jeder Punkt bzw. Balken ist ein Handelstag.
Der Rücksetzer liefert beides: den Einstieg beim Ausbruch aus der Konsolidierung und die Grenze fürs Risiko unter ihrem Tief. Wer auf weitere Bestätigungen wartet, kauft höher und muss mehr Abstand zum Stopp aushalten. Schematische Darstellung, keine echten Kursdaten. Quelle: eigene Darstellung, Carsten Umland.

Wo liegt der erste Stopp?

Unter dem Tief, das in Rücksetzer und Seitwärtsphase entstanden ist. Nah genug am Einstieg, damit das Risiko klein bleibt, und weit genug weg, damit die normalen Schwankungen der Aktie ihn nicht sofort auslösen.

Wie viel Abstand „weit genug“ ist, hängt davon ab, wie stark eine Aktie üblicherweise schwankt. Eine ruhige Aktie braucht weniger Luft als eine, die täglich größere Ausschläge zeigt. Wie Sie das konkret festlegen, lesen Sie im Artikel Stop-Loss setzen, ohne ständig ausgestoppt zu werden.

Hier liegt der eigentliche Vorteil des Einstiegs nach dem Rücksetzer: Ihre Kontrolle haben Sie nur beim Einstieg. Dort legen Sie fest, was Sie im ungünstigsten Fall verlieren. Danach entscheidet der Markt. Der Rücksetzer liefert Ihnen dafür beides – den Einstiegszeitpunkt und die Grenze für Ihr Risiko.

Rücksetzer oder Beginn einer Trendwende?

Nicht jeder Rücklauf ist ein Rücksetzer. Manchmal ist er der Anfang einer Trendwende, und genau deshalb gehört der Stopp von Anfang an dazu. Woran Sie den Unterschied erkennen, erklärt der Artikel Rücksetzer oder Trendwende? Der Unterschied.

Ein grober Rahmen, um das Umfeld einer Aktie einzuordnen, ist ihre Lage zur 100-Tage-Linie. Was diese Linie zeigt und was nicht, lesen Sie in Die 100-Tage-Linie: Was sie zeigt und was nicht. Und weil zum Einstieg immer auch ein geplanter Ausstieg gehört: Wann verkaufen? Gewinne laufen lassen, Verluste nicht.

So gehe ich selbst vor

Den häufigsten Fehler sehe ich, wenn ich ein Trading-Szenario bespreche. Ich zeige, wie eine Aktie zurückgesetzt hat und sich jetzt aus der Seitwärtsphase löst. Ein paar Tage später kommt die Frage: „Die läuft ja jetzt an – kann ich da noch einsteigen?“

Abgesehen davon, dass ein Trading-Szenario keine Handelsempfehlung ist: In diesem Moment wartet man bereits auf die Bestätigung der Bestätigung. Wir denken beide in dieselbe Richtung, nämlich Fortsetzung des Aufwärtstrends nach der Korrektur. Der Unterschied liegt nur im Zeitpunkt. Wer früher einsteigt, hat den Stopp nah am Einstieg. Wer auf mehrere Bestätigungen wartet, kauft höher, und der Abstand zum Stopp wird mit jedem Tag größer. Das Risiko pro Aktie steigt also gerade dadurch, dass man sich sicherer fühlen will.

Den 50-Tage-Durchschnitt nutze ich übrigens nur als visuelle Hilfe. Es fällt auf, dass Aktien in Rücksetzern oft dorthin zurücklaufen. Aber die eigentliche Mechanik ist eine andere: Wie tief ist der Rücklauf im Verhältnis zum Anstieg davor, und was macht das Volumen dabei? Auch mit Fibonacci-Linien arbeite ich nicht.

Und noch ein Punkt, den ich selbst lange ungenau ausgedrückt habe: Ich spreche gern von einer „Umkehrkerze“. Sachlich ist das nicht ganz richtig. Der Einstieg entsteht nicht durch eine einzelne Kerze, sondern durch den Ausbruch aus einer Seitwärtsphase, die sich über mehrere Tage aufgebaut hat. Die Kerze ist nur der sichtbare Schluss davon.

Wenn Sie das durchspielen möchten, ohne echtes Geld einzusetzen: Suchen Sie sich im Demokonto eine starke Aktie, markieren Sie Rücksetzer, Seitwärtsphase und das Tief darunter, und beobachten Sie, was das Volumen beim Ausbruch macht. Warum das der richtige Ort zum Üben ist, lesen Sie in Erst üben: Was ein Demokonto bringt – und wo seine Grenzen liegen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Rücksetzer ist eine normale Gegenbewegung im intakten Aufwärtstrend. Der Einstieg danach ist weniger riskant als das Aufspringen im laufenden Anstieg.
  • Ob ein Rücksetzer zu Ende ist, zeigt das Zusammenspiel aus der Tiefe des Rücklaufs im Verhältnis zur Bewegung davor und dem Handelsvolumen.
  • Der Einstieg erfolgt beim Ausbruch aus der Seitwärtsphase nach oben, begleitet von wieder anziehendem Volumen – nicht durch eine einzelne Kerze.
  • Der erste Stopp gehört unter das Tief von Rücksetzer und Seitwärtsphase. So liegt er nah am Einstieg.
  • Wer auf die Bestätigung der Bestätigung wartet, kauft höher und hat den Stopp weiter weg. Mehr gefühlte Sicherheit bedeutet hier mehr Risiko.

Häufige Fragen

Was ist ein Rücksetzer bei Aktien?
Ein Rücksetzer ist eine vorübergehende Gegenbewegung in einem bestehenden Trend: Eine steigende Aktie gibt einen Teil ihres Anstiegs wieder ab, bevor sie in die ursprüngliche Richtung weiterläuft. Im Unterschied zur Trendwende bleibt der übergeordnete Aufwärtstrend dabei intakt.
Wie tief darf ein Rücksetzer sein?
Das bemisst sich am Verhältnis zur vorangegangenen Aufwärtsbewegung, nicht an einem festen Prozentwert. Erfahrungsgemäß braucht ein Markt einen spürbaren Rücklauf, grob bis an die Hälfte der vorangegangenen Bewegung, bevor er sich leergelaufen hat. Entscheidend ist aber das Handelsvolumen: Wird dort noch mit hohem Volumen verkauft, ist der Rücksetzer nicht zu Ende.
Kann ich noch einsteigen, wenn die Aktie schon wieder angelaufen ist?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten, und eine Empfehlung für eine einzelne Aktie gibt es hier ohnehin nicht. Methodisch gilt: Je weiter der Kurs schon vom Tief der Seitwärtsphase entfernt ist, desto weiter liegt der Stopp vom Einstieg weg. Das Verhältnis aus möglichem Verlust und Chance wird mit jeder abgewarteten Bestätigung schlechter.
Was mache ich, wenn eine Aktie ohne Rücksetzer einfach weiterläuft?
Dann lassen Sie sie ziehen. Eine Aktie, die ohne Sie weiterläuft, kostet Sie nichts. Eine Aktie, der Sie hinterherlaufen und die dann zurücksetzt, kostet Sie dagegen Geld oder Nerven. Starke Aktien bieten in der Regel früher oder später wieder einen Rücksetzer.
Ist der 50-Tage-Durchschnitt ein guter Einstiegspunkt?
Er ist eine nützliche visuelle Hilfe, aber nicht der eigentliche Grund für den Einstieg. Es fällt zwar auf, dass Aktien in Rücksetzern oft in die Nähe dieser Linie laufen. Ob der Rücksetzer zu Ende ist, zeigt aber erst das Zusammenspiel aus der Tiefe des Rücklaufs und dem Handelsvolumen.

Keine Anlageberatung. Dieser Artikel vermittelt Wissen über ein methodisches Vorgehen und ist keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Der Handel mit Wertpapieren ist mit Risiken verbunden. Kursverluste bis zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals sind möglich. Risikohinweis

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