Starke Sektoren und Aktien finden

Wo das Geld gerade hinfließt: Starke Sektoren erkennen

Von Carsten Umland · Stand: · 11 Min. Lesezeit

Kurz beantwortet

Einen starken Sektor erkennen Sie daran, dass er sich besser entwickelt als der Gesamtmarkt – und zwar über Monate, nicht über ein paar Tage. Vergleichen Sie dazu die elf Sektoren des S&P 500 mit dem Index selbst, einmal seit Jahresbeginn und einmal über die letzten zwölf Monate. Ein Sektor, der in beiden Zeiträumen vorne liegt, zeigt, wohin das Geld gerade fließt. Dort beginnt die Suche nach starken Aktien.

Sie lesen von einem Thema, über das gerade alle reden, kaufen eine Aktie daraus – und dann passiert nichts. Oder schlimmer: Die Aktie fällt, obwohl das Unternehmen gute Zahlen liefert. Oft liegt das gar nicht an der Aktie, sondern an ihrem Umfeld. Wenn der ganze Sektor gerade abgestraft wird, schwimmt auch eine gute Aktie gegen den Strom. In diesem Artikel erfahren Sie, wie Sie vorher prüfen, ob der Rückenwind da ist.

Was ist ein starker Sektor?

Ein starker Sektor ist eine Gruppe von Unternehmen aus einem ähnlichen Geschäftsfeld, deren Aktien sich über Monate besser entwickeln als der Gesamtmarkt.

Entscheidend ist das „besser als der Markt“. Ein Sektor, der um 5 Prozent steigt, während der Markt um 10 Prozent steigt, ist nicht stark, er läuft nur mit. Stark ist er erst, wenn er vorne liegt.

Sektor und Branche: Ein Sektor ist die grobe Einteilung, zum Beispiel Technologie. Eine Branche ist ein Teil davon, zum Beispiel Halbleiter oder Software. Weltweit üblich ist die Einteilung nach dem Standard GICS mit elf Sektoren. Nach genau diesen elf Sektoren ist auch der S&P 500 aufgeteilt, der wichtigste US-Aktienindex.

Warum erst der Sektor und dann die Aktie?

Weil eine Aktie selten allein läuft. Wenn große Anleger Geld in einen Bereich umschichten, kaufen sie nicht eine Aktie, sondern viele aus diesem Bereich. Das hebt den ganzen Sektor – und mit ihm die einzelnen Aktien darin.

Stellen Sie sich das wie Rückenwind beim Radfahren vor. Mit Rückenwind kommen Sie mit derselben Kraft deutlich weiter. Mit Gegenwind strampeln Sie sich ab und kommen kaum voran. Beim Sektor ist es genauso: Eine gute Aktie in einem starken Sektor hat Rückenwind. Dieselbe Aktie in einem schwachen Sektor kämpft gegen den Wind.

Deshalb gehe ich von oben nach unten vor: erst die Marktlage, dann der Sektor, dann die einzelne Aktie.

Woran erkennen Sie, wohin das Geld gerade fließt?

Sie erkennen es daran, dass ein Sektor über längere Zeit vor dem Index liegt und dieser Vorsprung nicht nur von einer einzelnen Aktie kommt. Diese drei Punkte prüfe ich:

Merkmal Woran Sie es sehen Warum es zählt
Vorsprung über längere Zeit Der Sektor liegt seit Jahresbeginn und über die letzten zwölf Monate vor dem S&P 500. Ein paar gute Wochen können Zufall sein. Ein Vorsprung über Monate zeigt, dass dauerhaft Geld hineinfließt.
Breite Viele Aktien des Sektors entwickeln sich gut, nicht nur ein oder zwei Schwergewichte. Hängt alles an einer Aktie, ist der Sektor nicht stark – nur diese eine Aktie.
Passt zur Lage Die Stärke passt zu den aktuellen Wirtschaftsdaten und Zinsentscheidungen. Wenn Daten und Kursverlauf in dieselbe Richtung zeigen, ist die Stärke besser begründet.

Relative Stärke: Relative Stärke bedeutet, dass sich ein Sektor oder eine Aktie besser entwickelt als der Vergleichsmaßstab, also meist der Gesamtmarkt. Es geht nicht darum, ob etwas steigt, sondern ob es stärker steigt als der Rest.

Wie vergleichen Sie die Sektoren konkret?

Am einfachsten mit einem Vergleichschart, in dem Sie alle elf Sektoren und den S&P 500 übereinanderlegen. Für jeden Sektor gibt es einen eigenen Index oder einen Sektor-ETF, den Sie dafür als Kurve nutzen können. Ich mache das in TradingView. Das geht aber in den meisten Chartprogrammen.

  1. Vergleich einrichten: Legen Sie die elf Sektoren und den S&P 500 in einen Chart. Alle Kurven starten am selben Tag bei null, so sehen Sie sofort, wer vorne liegt.
  2. Seit Jahresbeginn anschauen: Stellen Sie den Startpunkt auf den ersten Handelstag des Jahres. Welche Sektoren liegen über dem S&P 500, welche darunter?
  3. Zwölf Monate rollierend anschauen: Stellen Sie den Startpunkt auf heute vor einem Jahr. So sehen Sie, ob die Stärke schon länger besteht oder erst seit kurzem.
  4. Beide Bilder vergleichen: Interessant sind die Sektoren, die in beiden Zeiträumen vorne liegen. Liegt ein Sektor nur in einem Zeitraum vorne, beobachten Sie ihn, aber verlassen Sie sich noch nicht darauf.
  5. Jede Woche wiederholen: Hat sich etwas verschoben? Rutscht ein Sektor ab oder kommt ein neuer nach vorne? Genau diese Veränderung ist die wichtigste Information.
Sektorvergleich gegen den S&P 500 seit JahresbeginnSchematische Darstellung mit erfundenen Verläufen: Alle Kurven starten am ersten Handelstag bei null. Technologie und Industrie liegen über dem S&P 500 und gelten damit als stark, Gesundheit und Versorger liegen darunter.0JanMrzMaiJulSepNovEntwicklung seit JahresbeginnTechnologieIndustrieS&P 500GesundheitVersorgerSTÄRKERSCHWÄCHER
So sieht der Vergleich aus: Alle Sektoren starten am ersten Handelstag bei null. Was über dem S&P 500 liegt, ist stark. Schematische Darstellung, keine echten Kursdaten. Quelle: eigene Darstellung, Carsten Umland.

Ist der Vergleich einmal eingerichtet, brauchen Sie dafür pro Woche nur wenige Minuten. Den einen Monat oder gar den einzelnen Tag lasse ich bewusst weg. Diese kurzen Zeiträume schwanken zu stark und verleiten zu Schnellschüssen.

Wie lange bleibt ein Sektor stark?

Das ist unterschiedlich – manchmal Monate, manchmal Jahre. Starke Sektoren bleiben oft länger stark, als man denkt, aber nicht für immer. Irgendwann wandert das Geld weiter in andere Bereiche. Das nennt man Sektorrotation.

Für Sie heißt das: Ein Sektor, der stark ist, wird nicht deshalb schwach, weil er schon länger gut gelaufen ist. Er wird schwach, wenn er seinen Vorsprung auf den Markt verliert. Genau das sehen Sie im wöchentlichen Vergleich früh. Wie Sektorrotation funktioniert, erklärt der Artikel Sektorrotation einfach erklärt.

Wichtig: Der Gesamtmarkt geht vor. Wenn der ganze Markt fällt, fallen auch starke Sektoren, meist nur weniger. Dann ist ein starker Sektor kein Grund, trotzdem einzusteigen.

Welche Fehler sollten Sie vermeiden?

  • Schlagzeilen folgen: Das Thema, über das alle reden, ist nicht automatisch der stärkste Sektor. Oft ist die Bewegung schon gelaufen, wenn sie in den Nachrichten ankommt.
  • Zu kurz schauen: Wer nur die letzten Tage betrachtet, springt jeder Bewegung hinterher und sieht den eigentlichen Trend nicht.
  • „Billige“ Sektoren suchen: Ein Sektor, der stark gefallen ist, ist nicht günstig, sondern schwach. Das Geld fließt woanders hin.
  • Einen Ausreißer überbewerten: Steigt eine einzige große Aktie stark, kann das einen ganzen Sektor nach oben ziehen. Prüfen Sie, ob die Breite stimmt.
  • Den Markt ignorieren: Auch der stärkste Sektor hilft wenig, wenn der Gesamtmarkt gerade fällt.

So gehe ich selbst vor

Meine Woche startet montags mit dem großen Bild. Zuerst schaue ich mir an, welche Wirtschaftsdaten in der Woche veröffentlicht werden, ob eine Zinsentscheidung ansteht und was sonst Gewicht hat. Danach kommt der Sektorvergleich: seit Jahresbeginn und über zwölf Monate. Und vor allem: Hat sich gegenüber der Vorwoche etwas verändert?

Aus beidem zusammen entscheide ich, welche Sektoren ich in dieser Woche als stark und welche als schwach einstufe. Dabei geht es mir nicht um den einzelnen Tag, sondern um die Entwicklung der kommenden Wochen und daraus fortlaufend der kommenden Monate.

Das war nicht immer so. Mein größter Fehler war lange genau das Gegenteil: Ich war im Moment gefangen und habe aus der Lage eines einzelnen Tages heraus gehandelt. An einem Tag dachte ich, jetzt geht es aufwärts. Am nächsten Tag dachte ich, nein, jetzt geht es doch abwärts. Ein Tag kann rauf und runter gehen, das sagt über den Trend wenig. Ich hatte den Blick so eng wie ein Brennglas auf den Tag gerichtet und dabei das Wesentliche übersehen.

Heute sage ich es so: Wer nur auf den einzelnen Tag oder die einzelne Aktie schaut, guckt durchs Schlüsselloch. Er sieht den Raum dahinter nur in Ausschnitten. Wer mit Markt und Sektoren beginnt, macht die Tür auf, geht in den Raum hinein und kann sich komplett umsehen. Genau diesen Überblick gibt Ihnen der Sektorvergleich.

Wie Markt, Sektoren und einzelne Aktien bei mir Schritt für Schritt zusammenspielen, zeige ich im kostenlosen Praxis-Guide Die Umland-Methode: 5 Prinzipien für die Auswahl starker Aktien.

Ich arbeite dabei vor allem mit US-Aktien. Das liegt nicht daran, dass die Methode anderswo nicht funktioniert. Es gibt dort einfach viel mehr Aktien und eine höhere Liquidität, also mehr Auswahl. Und einen kleinen Nebeneffekt hat das auch: Die US-Börse öffnet erst am Nachmittag unserer Zeit. Mein Vormittag gehört deshalb dem Sport.

Vom starken Sektor zur kurzen Liste

Der Sektorvergleich zeigt Ihnen, wo Sie suchen sollten. Die nächsten Schritte führen von dort zu einzelnen Aktien:

Wenn Sie den Weg vom Sektor zur Aktie erst einmal ohne echtes Geld ausprobieren wollen: Spielen Sie den Vergleich ein paar Wochen lang auf dem Papier oder im Demokonto durch und notieren Sie, welche Sektoren vorne lagen und wie es weiterging.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein starker Sektor entwickelt sich über Monate besser als der Gesamtmarkt, nicht nur ein paar Tage lang.
  • Vergleichen Sie die elf S&P-500-Sektoren mit dem Index, seit Jahresbeginn und über zwölf Monate rollierend.
  • Interessant sind Sektoren, die in beiden Zeiträumen vorne liegen und deren Stärke von vielen Aktien kommt, nicht nur von einer.
  • Einmal pro Woche prüfen reicht. Wichtiger als der Stand ist die Veränderung zur Vorwoche.
  • Erst Markt, dann Sektor, dann Aktie: Statt durchs Schlüsselloch zu schauen, machen Sie die Tür auf.

Häufige Fragen

Wie viele Sektoren gibt es an der Börse?
Nach dem weltweit üblichen Standard GICS gibt es elf Sektoren, zum Beispiel Technologie, Gesundheit, Energie, Finanzen und Versorger. Der S&P 500 ist genau nach diesen elf Sektoren aufgeteilt. Innerhalb jedes Sektors gibt es feinere Branchen, etwa Halbleiter innerhalb der Technologie.
Welche Sektoren sind gerade stark?
Das ändert sich – und genau deshalb finden Sie hier keine Momentaufnahme, die in ein paar Wochen veraltet ist. Mit dem Vergleich in diesem Artikel prüfen Sie es selbst: Welche Sektoren liegen seit Jahresbeginn und über zwölf Monate vor dem S&P 500? Das dauert, wenn der Vergleich einmal eingerichtet ist, nur wenige Minuten.
Wie oft sollte ich die Sektoren prüfen?
Einmal pro Woche reicht. Ich mache es montags, zusammen mit dem Blick auf die Wirtschaftsdaten und Zinstermine der Woche. Tägliches Prüfen bringt keinen Vorteil, sondern verleitet dazu, auf jede Tagesbewegung zu reagieren.
Funktioniert das auch mit deutschen Aktien?
Das Prinzip funktioniert an jeder Börse: Starke Aktien kommen meist aus starken Sektoren. Ich arbeite trotzdem vor allem mit US-Aktien, weil es dort deutlich mehr Unternehmen und eine höhere Liquidität gibt. Sie haben also schlicht mehr Auswahl.

Quellen

  1. S&P Dow Jones Indices: Global Industry Classification Standard (GICS) (Stand 10/2026)

Keine Anlageberatung. Dieser Artikel vermittelt Wissen über ein methodisches Vorgehen und ist keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Der Handel mit Wertpapieren ist mit Risiken verbunden. Kursverluste bis zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals sind möglich. Risikohinweis

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