Den Markt lesen

Nachrichten-Rauschen: Was Sie getrost ignorieren können

Von Carsten Umland · Stand: · 7 Min. Lesezeit

Kurz beantwortet

Getrost ignorieren können Sie Börsen-TV, Push-Meldungen, Crash-Prognosen und Marktvorhersagen in sozialen Medien. Niemand weiß, wohin der Markt geht – Börse ist immer ein Abwägen von Wahrscheinlichkeiten und Risiken. Verlassen Sie sich stattdessen auf redaktionell aufbereitete Nachrichten seriöser Agenturen und ordnen Sie Kursbewegungen selbst ein: Ist eine Korrektur im Vergleich zu früheren normal, ist sie Rauschen.

Das Handy meldet einen Kurseinbruch, im Börsen-TV wird über den nächsten Crash diskutiert, und in sozialen Medien zeigt jemand mit bunten Linien, wo der Markt angeblich als Nächstes hinläuft. Wer all das ernst nimmt, ist ständig in Alarmbereitschaft und trifft Entscheidungen aus dem Bauch. In diesem Artikel erfahren Sie, was Sie getrost ausblenden können, woran Sie seriöse Nachrichten erkennen und wie Sie Kursbewegungen selbst einordnen.

Was ist Nachrichten-Rauschen?

Nachrichten-Rauschen sind Meldungen, die Aufmerksamkeit erzeugen, aber keine Information darüber enthalten, wohin sich der Markt tatsächlich entwickelt.

Dazu gehören für mich vor allem:

  • Börsen-TV: Ständige Kommentare zu jeder Tagesbewegung erzeugen das Gefühl, handeln zu müssen.
  • Push-Meldungen: Sie melden jede Schwankung als Ereignis, ohne sie einzuordnen.
  • Crash-Propheten: Sie liegen tausendmal falsch und einmal richtig. Über den einen Treffer wird groß berichtet, über die tausend Fehlprognosen spricht niemand.
  • Marktvorhersagen in sozialen Medien: Wer in einem Video oder einer Story erklärt, an welcher Marke der Markt als Nächstes drehen wird, verkauft Sicherheit, die es nicht gibt.

Der Grund ist einfach: Niemand weiß, wohin der Markt geht. Weder institutionelle noch private Anleger. Börse ist immer ein Abwägen von Wahrscheinlichkeiten und Risiken. Wer etwas anderes behauptet, sollte Sie skeptisch machen.

Wie unterscheiden Sie Rauschen von echten Signalen?

Indem Sie Kursbewegungen selbst einordnen, statt sich die Einordnung von Schlagzeilen abnehmen zu lassen.

Ein Markt verhält sich wie Ein- und Ausatmen. Sie können nicht nur ausatmen, Sie müssen auch wieder einatmen. Genauso kann ein Markt nicht nur steigen. Er muss auch korrigieren. Die Frage ist nicht, ob eine Korrektur kommt, sondern wie stark sie im Vergleich zu früheren ist.

Dafür schaue ich mir an, wie tief ein Index in der Vergangenheit üblicherweise korrigiert hat. Bleibt die aktuelle Bewegung in diesem Rahmen, ist sie Rauschen, egal wie laut die Schlagzeilen sind. Geht sie deutlich darüber hinaus, lohnt sich ein genauerer Blick. Mit diesem einen Vergleich ordnet sich vieles sehr schnell. Wie Sie ihn im Chart umsetzen, lesen Sie in Steigt oder fällt der Markt? Woran Sie es sehen.

Woran erkennen Sie seriöse Börsennachrichten?

An der Sprache und an der Einordnung. Seriöse Nachrichten berichten sachlich und setzen eine Bewegung in einen Zusammenhang. Unseriöse Meldungen wollen vor allem Aufmerksamkeit.

Ein Beispiel macht den Unterschied deutlich:

Seriöse Meldung Reißerische Meldung
„Der S&P 500 gibt 3,2 Prozent nach. Im Vergleich zu den letzten zwölf Monaten liegt die Korrektur im üblichen Rahmen.“ „3,2 Prozent Crash!“
Ordnet ein und nennt den Zusammenhang Erzeugt Angst und Handlungsdruck
Geschrieben von ausgebildeten Finanzjournalisten Geschrieben, um Klicks zu erzeugen

Redaktionell aufbereitete Nachrichten von Nachrichtenagenturen wie Reuters, Bloomberg oder dpa werden von Menschen geschrieben, die Journalismus gelernt haben. Sie wissen, wie Nachrichten zu lesen und zu schreiben sind. Diese Sorgfalt ist für Ihre Entscheidungen mehr wert als jede schnelle Meldung.

Warum sollten Sie Handelssignalen aus Chatgruppen nicht trauen?

Weil Sie dort meist nicht wissen, wer die Signale verbreitet, mit welcher Absicht und ob er selbst schon investiert ist.

Viele Einsteiger wollen kein Geld für Nachrichten ausgeben. Das ist verständlich, gerade am Anfang. Und vieles lässt sich heute auch kostenlos beschaffen und mit KI-Hilfe zusammenfassen. Was Sie aber auf keinen Fall tun sollten: dubiosen Telegram- oder WhatsApp-Gruppen beitreten und deren Nachrichten oder Handelssignale für seriös halten.

Bedenken Sie: An den Entscheidungen, die Sie auf Basis von Nachrichten treffen, hängt Ihr Geld. Es muss nicht gleich ein teures Profi-Terminal sein. Aber die Quelle sollte seriös sein.

Warum kommt die große Schlagzeile meist zu spät?

Weil ein Thema erst dann in den großen Publikumsmedien landet, wenn es schon alle bemerkt haben. Und was alle bemerkt haben, ist an der Börse meist eingepreist.

Ich nenne das den Yellow-Press-Index. Wenn eine große Publikumszeitschrift auf der Titelseite dazu aufruft, jetzt einzusteigen, weil sich ein Wert angeblich noch einmal vervielfachen wird, dann ist es in aller Regel zu spät. Da können Sie die Uhr nach stellen.

Wann ein Thema in den Schlagzeilen ankommtSchematische Darstellung mit erfundenem Kursverlauf. Zuerst steigt der Kurs leise, ohne dass groß darüber berichtet wird. Später greifen Fachmedien und Nachrichtenagenturen das Thema auf. Die große Schlagzeile in Publikumsmedien mit der Aufforderung, jetzt einzusteigen, erscheint erst nahe dem Hoch. Danach folgt ein deutlicher Rücksetzer.Kursverlauf, schematischKaum BerichteFachmedien berichtenSchlagzeile: „Jetzt einsteigen!“RücksetzerSteht es groß in der Zeitung, ist die Bewegung meist schon gelaufen.
Der „Yellow-Press-Index“: Wenn ein Thema als große Schlagzeile mit Kaufaufruf in Publikumsmedien ankommt, ist die Bewegung meist schon weit fortgeschritten. Schematische Darstellung, keine echten Kursdaten. Quelle: eigene Darstellung, Carsten Umland.

Welche Absicht hinter solchen Schlagzeilen steckt, will ich gar nicht bewerten. Ich beobachte nur immer wieder dasselbe Muster: Steht es groß in der Zeitung, ist die Bewegung meist schon weit gelaufen. Wer dann einsteigt, kauft oft nahe dem Hoch und erlebt kurz darauf den Rücksetzer.

So gehe ich selbst vor

Börsen-TV, Push-Meldungen und Crash-Prognosen lasse ich komplett weg. Marktvorhersagen in sozialen Medien, etwa wenn jemand mit Fibonacci-Marken genau wissen will, wo der Markt dreht, entlocken mir höchstens ein müdes Lächeln. Das perlt an mir ab wie Wasser an einer Teflonpfanne.

Meine Nachrichten beziehe ich aus den Feeds großer Nachrichtenagenturen, redaktionell aufbereitet und von Finanzjournalisten geschrieben. Dafür bin ich auch bereit, Geld auszugeben. Denn an meinen Entscheidungen hängt echtes Geld, und eine seriöse Quelle ist die Grundlage dafür.

Wie ich die Daten dann gewichte, beschreibe ich im Artikel Zinsen, Notenbank, Inflation: Was davon für Ihre Aktien wirklich zählt. Und wie daraus ein Gesamtbild wird, im Leitartikel Ist jetzt ein guter Zeitpunkt? So erkennen Sie die Marktlage.

Am Ende ist das der Grund, warum ich auf einen strukturierten Ansatz setze: Er macht Sie unabhängig von Schlagzeilen. Wer feste Regeln hat und seriöse Quellen nutzt, muss nicht auf jede Meldung reagieren.

Wenn Sie das ausprobieren wollen: Notieren Sie eine Woche lang jede Börsenschlagzeile, die Sie zum Handeln gedrängt hätte. Schauen Sie eine Woche später nach, was davon tatsächlich eine Rolle gespielt hat.

Das Wichtigste in Kürze

  • Börsen-TV, Push-Meldungen, Crash-Prognosen und Marktvorhersagen in sozialen Medien können Sie getrost ausblenden.
  • Niemand weiß, wohin der Markt geht. Börse ist ein Abwägen von Wahrscheinlichkeiten und Risiken.
  • Ordnen Sie Bewegungen selbst ein: Liegt eine Korrektur im Rahmen früherer, ist sie Rauschen.
  • Setzen Sie auf redaktionell aufbereitete Nachrichten seriöser Agenturen, nicht auf Signale aus Chatgruppen.
  • Steht ein Thema groß in den Publikumsmedien, ist die Bewegung meist schon gelaufen.

Häufige Fragen

Welche Börsennachrichten sind seriös?
Seriös sind vor allem redaktionell aufbereitete Nachrichten von Nachrichtenagenturen und Wirtschaftsredaktionen, geschrieben von ausgebildeten Finanzjournalisten. Sie erkennen sie an einer sachlichen Sprache, an Einordnung statt Alarm und daran, dass sie keine Kauf- oder Verkaufsaufrufe enthalten.
Sollte ich Handelssignale aus Telegram- oder WhatsApp-Gruppen nutzen?
Davon rate ich klar ab. Sie wissen in solchen Gruppen meist nicht, wer hinter den Signalen steht, welche Absicht er verfolgt und ob er selbst schon investiert ist. An Ihren Entscheidungen hängt Ihr Geld. Dafür sollten Sie sich auf überprüfbare, seriöse Quellen stützen.
Kann man Crash-Prognosen ernst nehmen?
Nur mit großer Vorsicht. Wer ständig einen Crash vorhersagt, liegt irgendwann einmal richtig, und genau dieser eine Treffer wird dann groß herausgestellt. Über die vielen Male, in denen die Prognose falsch war, spricht danach niemand.
Lohnt es sich, für Börsennachrichten Geld auszugeben?
Es lohnt sich, auf die Qualität der Quellen zu achten. Nicht jeder braucht ein teures Profi-Terminal. Aber an den Entscheidungen, die Sie auf Basis von Nachrichten treffen, hängt Ihr Geld. Ein seriöser, redaktionell aufbereiteter Nachrichtendienst ist deshalb oft gut investiert.
Was ist der Yellow-Press-Index?
So nenne ich eine Beobachtung aus vielen Jahren an der Börse: Wenn ein Thema als große Schlagzeile mit Kaufaufruf in Publikumsmedien steht, ist die Bewegung meist schon weit gelaufen. Wer erst dann einsteigt, kauft oft nahe dem Hoch.

Keine Anlageberatung. Dieser Artikel vermittelt Wissen über ein methodisches Vorgehen und ist keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Der Handel mit Wertpapieren ist mit Risiken verbunden. Kursverluste bis zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals sind möglich. Risikohinweis

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