Aktien neben dem Beruf

Aktien neben dem Beruf: Wie Ihr Depot zum zweiten Einkommen werden kann

Von Carsten Umland · Stand: · 8 Min. Lesezeit

Kurz beantwortet

Ja, das geht – solange Ihr Beruf Ihr Haupteinkommen bleibt. Nach einer Einarbeitung von rund sechs Monaten reichen etwa anderthalb Stunden pro Woche: ein Rückblick am Samstag, die Planung am Sonntag. Ob daraus ein zweites Einkommen werden kann, entscheidet vor allem Ihr Kapital. Als grobe Orientierung gelten rund 10.000 Euro. Wer mit kleinem Konto seinen Zeitaufwand gegen den Ertrag rechnet, wird enttäuscht.

Sie sind beruflich eingespannt, Ihr Geld liegt auf dem Konto oder in ein paar Fonds – und Sie fragen sich, ob da mehr drin ist. Gleichzeitig soll die Börse kein zweiter Vollzeitjob werden. In diesem Artikel erfahren Sie, wie viel Zeit und Kapital Sie realistisch brauchen, damit Ihr Depot neben dem Beruf wachsen kann. Und Sie sehen, an welchem Denkfehler die meisten scheitern, bevor sie richtig angefangen haben.

Zweites Einkommen statt Berufswechsel: Was ist gemeint?

Gemeint ist ein Depot, das neben Ihrem Beruf wächst und über die Jahre zu einer zweiten Einkommensquelle werden kann. Ihr Haupteinkommen entsteht weiter in Ihrem Beruf.

Diese Reihenfolge ist wichtig. Wer jeden Monat einen festen Betrag aus dem Depot braucht, um Miete und Rechnungen zu bezahlen, handelt unter Druck. Dann wird aus einem ruhigen Plan schnell ein hektisches Hinterherlaufen, und Druck führt zu schlechten Entscheidungen.

Ihr Beruf ist also kein Hindernis, sondern Ihr größter Vorteil: Er gibt Ihnen die Ruhe, an der Börse nur dann zu handeln, wenn die Bedingungen stimmen. Warum „vom Trading leben“ für die allermeisten der falsche Plan ist, lesen Sie im Artikel Vom Trading leben? Warum Ihr Beruf das Fundament bleiben sollte.

Wie viel Zeit brauchen Sie wirklich?

Nach der Einarbeitung reichen etwa anderthalb Stunden pro Woche. In der Einarbeitung selbst, rund sechs Monate, brauchen Sie mehr Zeit.

Die sechs Monate sind gut investiert. In dieser Zeit lernen Sie die Zyklen des Marktes kennen und spielen die Abläufe immer wieder durch. Je besser Sie diese Phase nutzen, desto leichter fällt Ihnen später die Umsetzung.

Danach läuft die Analyse fast von selbst. Sie haben Ihren Ablauf einmal festgelegt, im Chartprogramm oder ganz einfach auf einem Blatt Papier, und gehen ihn Schritt für Schritt durch: erst der Gesamtmarkt, dann die Sektoren, dann die Aktien mit Stärke. Geübte schaffen das in einer halben Stunde, Ungeübte brauchen eher eine Stunde.

So kann eine Woche für Sie aussehen:

Wann Was Dauer
Samstag Rückblick: Wie ist die Woche gelaufen? Was hat funktioniert, was nicht? ca. 45 Minuten
Sonntag Planung: Wie stehen Markt und Sektoren? Was steht in der neuen Woche an? ca. 45 Minuten
Montag bis Freitag Kein Dauerbeobachten. Sie halten sich an den Plan vom Wochenende. wenige Minuten

Warum gerade das Wochenende? Weil es für Sie ab Montag im Beruf richtig losgeht. Am Wochenende haben Sie den Kopf frei, und Sie starten mit einem klaren Plan in die Woche statt mit Bauchgefühl. Der Rückblick am Samstag und die Planung am Sonntag greifen dabei ineinander: Was Sie aus der letzten Woche mitnehmen, fließt direkt in den Plan für die nächste ein.

Mehr zum Zeitaufwand finden Sie im Artikel Wie viel Zeit braucht Trading neben dem Job wirklich?.

Wie viel Kapital ist sinnvoll?

Als grobe Orientierung gelten rund 10.000 Euro. Das ist kein Mindestbetrag – die Methode selbst funktioniert auch mit 5.000 Euro. Aber unterhalb dieser Größenordnung steht der Ertrag in Euro selten im Verhältnis zu der Zeit, die Sie investieren.

Zwei Dinge gehören außerdem dazu:

  • Das Kapital muss für mehrere Positionen reichen. Sie sollten mehrere Aktien gleichzeitig sauber gewichten können, statt alles auf eine Karte zu setzen.
  • Es muss Geld sein, das Sie über Jahre nicht brauchen. Wer sein Depot jederzeit auflösen muss, weil eine Anschaffung ansteht, kann keinen Plan durchhalten.

Je höher Ihr Kapital, desto mehr bewirkt derselbe Aufwand. Genau da liegt der Punkt, den die meisten unterschätzen.

Warum frustriert ein kleines Konto so oft?

Weil die meisten ihre Zeit sofort in Euro umrechnen – und mit kleinem Konto geht diese Rechnung nicht auf.

So läuft der Gedanke ab: Sie investieren jede Woche Zeit, also wollen Sie sofort ein Ergebnis sehen, das zum Aufwand passt. Bei einem kleinen Depot ist selbst ein gutes Jahr in Euro ein überschaubarer Betrag. Teilen Sie den durch Ihre Stunden, landen Sie bei einem Stundenlohn, den jeder Nebenjob übertrifft. Die logische Folge: Frust, Ungeduld – und der Versuch, mit mehr Risiko mehr herauszuholen. Genau das geht meistens schief.

Rechnerisch verstehen das alle. Im Kopf kommt es trotzdem selten an. Deshalb hier als Bild:

Gleicher Zeitaufwand, unterschiedliches KapitalSchematische Darstellung: Bei gleichem Zeitaufwand von rund anderthalb Stunden pro Woche und gleichem prozentualem Ergebnis bringt ein Depot mit 20.000 Euro den vierfachen Betrag eines Depots mit 5.000 Euro, ein Depot mit 50.000 Euro den zehnfachen.Ertrag in Euro bei gleichem Prozentsatzund gleicher Zeit: rund 1,5 Stunden pro Woche1×5.000 €4×20.000 €10×50.000 €Kapital im Depot
Gleicher Aufwand, gleicher Prozentsatz: Den Unterschied macht allein das Kapital. Schematische Darstellung, keine Renditeerwartung. Quelle: eigene Darstellung, Carsten Umland.

Der Aufwand ist in allen drei Fällen derselbe: rund anderthalb Stunden pro Woche, dieselbe Methode, derselbe Prozentsatz. Was sich ändert, ist allein der Betrag in Euro. Mit 20.000 Euro ist er viermal so hoch wie mit 5.000 Euro, mit 50.000 Euro zehnmal so hoch.

Der bessere Weg sieht deshalb so aus:

  1. Die Einarbeitung als Ausbildungszeit sehen. In den ersten Monaten zählt nicht der Ertrag, sondern dass Sie die Methode sicher beherrschen. Dafür eignet sich auch ein Demokonto, mehr dazu im Artikel Erst üben: Was ein Demokonto bringt – und wo seine Grenzen liegen.
  2. Parallel weiter ansparen. Ihr Beruf liefert das Kapital, Ihre Methode wird in der Zwischenzeit besser.
  3. Mit einem realistischen Kapital starten. Wenn beides zusammenkommt, steht Ihr Aufwand endlich in einem sinnvollen Verhältnis zum möglichen Ertrag.

Ob statt eigener Aktienauswahl vielleicht ein ETF-Sparplan besser zu Ihnen passt, klärt der Artikel Trading, Investieren oder ETF-Sparplan: Was passt zu Ihnen?.

Welche Regeln brauchen Sie dafür?

Sie brauchen feste Regeln für vier Fragen: Wann ist das Umfeld gut, wo fließt das Geld hin, wann steigen Sie ein und aus, und wie viel setzen Sie ein. Genau so ist die Umland-Methode aufgebaut – von oben nach unten.

Schritt Die Frage Mehr dazu
Markt Ist gerade ein gutes Umfeld für Aktien? So erkennen Sie die Marktlage (Artikel folgt)
Sektor Wo fließt das Geld gerade hin? Starke Sektoren erkennen
Einstieg und Ausstieg Wann steige ich ein – und wann wieder aus? Einsteigen nach dem Rücksetzer
Risiko Wie viel setze ich pro Aktie ein? Risiko im Griff (Artikel folgt)

Der Vorteil fester Regeln: Sie müssen nicht jede Woche neu überlegen, was zu tun ist. Sie gehen Ihren Ablauf durch, und die Entscheidungen ergeben sich daraus. Genau das macht die Methode alltagstauglich neben dem Beruf.

So gehe ich selbst vor

Für mich war Geld nie der eigentliche Antrieb. Mein Grundsatz lautet: Geld kann man sich immer irgendwie zurückholen. Verlorene Zeit nicht.

Deshalb ist für mich das Wertvollste an einem gut laufenden Depot nicht der Betrag auf dem Konto, sondern die Zeit, die es mir verschaffen kann. Zeit mit den Menschen, die mir wichtig sind. Zeit für Sport. Zeit für die Dinge, die man sonst auf „irgendwann“ verschiebt. Wer die Bedürfnispyramide nach Maslow kennt: Es geht weniger um „mehr Geld“ als um den Schritt nach oben, Richtung Selbstverwirklichung.

Das ist meine persönliche Sicht, und die muss nicht jeder teilen. Aber ich erlebe immer wieder, dass genau dieser Gedanke entspannter macht. Wer nicht jedem Euro hinterherjagt, sondern ein ruhiges zweites Standbein aufbauen will, hält seine Regeln besser ein und lässt sich weniger vom Tagesgeschehen treiben.

Und noch etwas habe ich in über 20 Jahren gelernt: Die Zeit, die Sie investieren, wird mit der Erfahrung weniger, nicht mehr. Am Anfang fühlt sich jede Analyse mühsam an. Nach der Einarbeitung ist es ein fester Ablauf, der in einen Samstag und einen Sonntag passt – und den Rest der Woche gehört Ihr Kopf wieder Ihrem Beruf.

Weiterlesen: Aktien neben dem Beruf

Das Wichtigste in Kürze

  • Ihr Beruf bleibt das Fundament, Ihr Depot kann über die Jahre zum zweiten Einkommen werden.
  • Nach rund sechs Monaten Einarbeitung reichen etwa anderthalb Stunden pro Woche: Rückblick am Samstag, Planung am Sonntag.
  • Als grobe Orientierung für das Kapital gelten rund 10.000 Euro – und es sollte Geld sein, das Sie über Jahre nicht brauchen.
  • Wer mit kleinem Konto Zeit gegen Ertrag rechnet, wird enttäuscht. Besser: Einarbeitung als Ausbildungszeit sehen und parallel ansparen.
  • Feste Regeln für Markt, Sektor, Einstieg und Risiko machen die Methode alltagstauglich.

Häufige Fragen

Kann man vom Trading leben?
Das hängt vor allem vom Kapitalstock ab. Um vom Trading zu leben, muss Ihr Depot so groß sein, dass es Ihre Lebenshaltungskosten auch in schwächeren Jahren deckt – ohne dass Sie unter Druck geraten. Die meisten starten mit einem deutlich kleineren Depot, etwa im Bereich von 50.000 bis 100.000 Euro. Das ist kein Nachteil: Mit dem Beruf als Fundament kann Ihr Depot in Ruhe zum zweiten Einkommen wachsen.
Wie viel Zeit braucht Trading neben dem Job?
Nach einer Einarbeitung von rund sechs Monaten etwa anderthalb Stunden pro Woche: rund 45 Minuten Rückblick am Samstag und rund 45 Minuten Planung am Sonntag. Ungeübte brauchen anfangs etwas länger. Ständiges Kurseschauen während der Arbeitszeit ist dafür nicht nötig.
Mit wie viel Kapital sollte man anfangen?
Als grobe Orientierung gelten rund 10.000 Euro. Die Methode funktioniert auch mit weniger, aber dann steht der Ertrag in Euro selten im Verhältnis zur eingesetzten Zeit. Wichtig ist außerdem: Es sollte Geld sein, das Sie über Jahre nicht anderweitig brauchen.
Sollte ich zuerst mit einem Demokonto üben?
Ja, gerade in der Einarbeitung ist das sinnvoll. Im Demokonto spielen Sie die Abläufe durch, ohne echtes Geld zu riskieren. Seine Grenze: Echte Verluste fühlen sich anders an als simulierte. Mehr dazu im Artikel zum Demokonto.

Keine Anlageberatung. Dieser Artikel vermittelt Wissen über ein methodisches Vorgehen und ist keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Der Handel mit Wertpapieren ist mit Risiken verbunden. Kursverluste bis zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals sind möglich. Risikohinweis

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