„Dafür habe ich keine Zeit“ ist einer der häufigsten Gründe, warum Berufstätige gar nicht erst anfangen. Die Vorstellung: Wer an der Börse handelt, sitzt den ganzen Tag vor Kursen. In diesem Artikel erfahren Sie, wie viel Zeit Sie neben dem Beruf tatsächlich brauchen, warum die ersten Monate mehr Zeit kosten und warum mehr Zeit an der Börse oft sogar schadet.
Wie viel Zeit brauchen Sie pro Woche?
Nach der Einarbeitung etwa anderthalb Stunden pro Woche. Die Arbeit liegt am Wochenende, unter der Woche reichen wenige Minuten.
| Wann | Was | Dauer |
|---|---|---|
| Samstag | Rückblick: Wie ist die Woche gelaufen? Was hat funktioniert, was nicht? | ca. 45 Minuten |
| Sonntag | Planung: Wie stehen Markt und Sektoren? Was steht in der neuen Woche an? Welche Aktien kommen in Frage? | ca. 45 Minuten |
| Montag bis Freitag | Kein Dauerbeobachten. Sie halten sich an den Plan vom Wochenende. | wenige Minuten |
Warum das Wochenende? Weil Ihr Beruf ab Montag Ihre Aufmerksamkeit braucht. Am Wochenende haben Sie den Kopf frei und starten mit einem klaren Plan in die Woche statt mit Bauchgefühl.
Warum ist das bei Vollzeit-Tradern anders?
Weil die Börse dort der Beruf ist. Wer Vollzeit handelt, startet seine Routine am Montag und schaut an jedem Handelstag hinein – bei US-Aktien rund um die Eröffnung am Nachmittag unserer Zeit und noch einmal am Abend.
Für Berufstätige ist das weder nötig noch sinnvoll. Ihr Handelshorizont ist länger: Sie wollen nicht jede Tagesbewegung mitnehmen, sondern Trends über Wochen und Monate. Was im Laufe eines Dienstags passiert, ändert an diesem Plan in aller Regel nichts. Deshalb verschiebt sich die Arbeit bei Ihnen komplett aufs Wochenende.
Wenn Sie in anderen Artikeln lesen, dass ich meine Woche montags beginne: Das ist mein Ablauf als Vollzeit-Trader. Für Sie gilt der Rhythmus mit Samstag und Sonntag.
Was machen Sie in den 45 Minuten am Sonntag?
Sie gehen immer denselben Ablauf durch, von oben nach unten:
- Termine der Woche: Welche Wirtschaftsdaten werden veröffentlicht, welche Unternehmen legen Zahlen vor, steht eine Zinsentscheidung an?
- Gesamtmarkt: Ist der Markt im Aufwärtstrend oder in einer Konsolidierung? Und können die Termine der Woche ihn durcheinanderwirbeln?
- Sektoren: Welche Sektoren zeigen Stärke, und welche könnten von den Daten der Woche besonders betroffen sein?
- Aktien: Erst jetzt kommt der Filter, der die starken Aktien in den starken Sektoren herausholt. Wie das geht, lesen Sie im Artikel In 15 Minuten aussieben: Diese Grundkriterien filtern das Gros heraus.
Danach haben Sie einen klaren Stand: Wie ist die Lage, wo lohnt sich ein genauerer Blick, und was lassen Sie diese Woche bewusst liegen.
Warum brauchen die ersten sechs Monate mehr Zeit?
Weil Sie in dieser Phase die Grundlagen lernen – und sie mit der Praxis verbinden müssen. Woran erkennen Sie einen Aufwärtstrend? Woran ein starkes Unternehmen? Woran eine Sektorrotation? Das sind für die meisten völlig neue Themen, die man nicht in einer Viertelstunde überblickt.
Mit der Theorie allein ist es aber nicht getan. Sie müssen sehen, wie sich das Gelernte in echten Marktphasen verhält – und Marktphasen lassen sich nicht beschleunigen. Deshalb brauchen Sie rund sechs Monate, um beides zusammenzubringen. Dafür reicht ein Demokonto: Hauptsache, Sie wenden das Gelernte an und sehen, wo die Fallstricke und wo die Chancen liegen.
Was ist der häufigste Fehler beim Zeitaufwand?
Nicht zu wenig Zeit, sondern zu viel: das ständige Beobachten des Charts. Man hat eine Position eröffnet, alles nach Plan gemacht – und schaut trotzdem alle paar Stunden auf den Kurs.
Dass Charts heute auf Handy und Tablet jederzeit verfügbar sind, macht es nicht leichter, sondern schwerer. Sie werden ständig mit Informationen versorgt, auf die Sie mit einem längerfristigen Ansatz ohnehin nicht reagieren würden. Was bleibt, ist Kopfkino: Jede rote Kerze fühlt sich an wie ein Alarm.
Dahinter steckt ein Irrtum. Wer zuschaut, hat das Gefühl, mehr Kontrolle zu haben. Tatsächlich haben Sie Kontrolle nur an einem Punkt: beim Einstieg. Dort legen Sie fest, wie viel Sie riskieren und wo Sie aussteigen. Danach entscheidet der Markt, nicht Ihr Blick auf den Bildschirm.
Ein Warnzeichen, das Sie kennen sollten: Je größer eine Position sich anfühlt, desto häufiger schauen Sie hin. Gemeint ist nicht die rechnerisch richtige Größe, sondern Ihr eigenes Risikoempfinden. Ist eine Position für Ihr Gefühl unangenehm groß, landen Sie fast zwangsläufig im Beobachtungsmodus – unabhängig davon, wie groß Ihr Konto ist. Dann ist nicht Disziplin das Problem, sondern die Positionsgröße.
Woran merken Sie, dass Sie zu viel Zeit investieren?
Wenn die Börse nicht mehr ein zweites Standbein ist, sondern ein Ort, an den Sie flüchten. Das kann viele Gründe haben: Druck im Beruf, Spannungen in der Familie oder die Faszination für Technik und das Gefühl, mit der Börse endlich etwas erreichen zu können.
Ein ehrlicher Test: Würde Ihr Ergebnis besser, wenn Sie mehr Zeit investieren? Bei einem Ansatz neben dem Beruf lautet die Antwort fast immer nein. Mehr Zeit führt eher zu mehr Trades, mehr Unruhe und mehr Entscheidungen aus dem Bauch.
So gehe ich selbst vor
Ich handle Vollzeit, deshalb sieht meine Woche anders aus als Ihre. Montags verschaffe ich mir den Überblick: Welche Wirtschaftsdaten kommen, welche Unternehmen berichten? Dann schaue ich auf den Gesamtmarkt – Trend oder Konsolidierung, und kann die Woche ihn durcheinanderwirbeln? Danach die Sektoren, die von diesen Daten beeinflusst werden können. Erst auf dieser Basis setze ich meinen Aktienfilter ein. Dann ist die Wochenarbeit erledigt.
Unter der Woche schaue ich täglich hinein, aber gezielt: kurz vor der Eröffnung der US-Börse um 15:30 Uhr bis in die erste Handelsstunde, wenn ich Orders platziere, und abends noch einmal kurz, etwa wenn eine Notenbanksitzung ansteht. Das ist mein Beruf. Für jemanden, der einen anderen Beruf hat, ist genau das Gegenteil richtig: Sie brauchen das nicht, weil Ihr Horizont länger ist.
In meinem Mentoring lege ich Wert darauf, dass wir in den ersten Monaten nicht nur Folien durchklicken, sondern das Gelernte direkt anwenden – zunächst auf dem Demokonto. Dort sieht man am schnellsten, wo die Fallstricke liegen. Und den Fehler, den ich dabei am häufigsten sehe, kenne ich auch von mir selbst: das Gefühl, durch Zuschauen Kontrolle zu gewinnen. Die Kontrolle liegt beim Einstieg. Alles danach ist Geduld.
Den Ablauf von oben nach unten – Markt, Sektoren, Aktien – beschreibe ich ausführlich im kostenlosen Praxis-Guide Die Umland-Methode: 5 Prinzipien für die Auswahl starker Aktien.
Das Wichtigste in Kürze
- Nach rund sechs Monaten Einarbeitung reichen neben dem Beruf etwa anderthalb Stunden pro Woche: Rückblick am Samstag, Planung am Sonntag.
- Unter der Woche genügen wenige Minuten. Ihr Horizont ist länger als ein Tag.
- Die Einarbeitung dauert, weil Theorie und Praxis in echten Marktphasen zusammenkommen müssen – üben lässt sich das auf dem Demokonto.
- Der häufigste Fehler ist nicht zu wenig, sondern zu viel Zeit: Ständiges Beobachten bringt keine Kontrolle, sondern Kopfkino.
- Schauen Sie bei einer Position ständig hin, ist sie für Ihr Risikoempfinden vermutlich zu groß.
Häufige Fragen
- Wie viel Zeit braucht Trading neben dem Job?
- Nach rund sechs Monaten Einarbeitung etwa anderthalb Stunden pro Woche: rund 45 Minuten Rückblick am Samstag und rund 45 Minuten Planung am Sonntag. Unter der Woche reichen wenige Minuten, ständiges Kurseschauen während der Arbeitszeit ist nicht nötig.
- Warum dauert die Einarbeitung rund sechs Monate?
- Weil Sie Theorie und Praxis verbinden müssen. Woran man einen Aufwärtstrend, ein starkes Unternehmen oder eine Sektorrotation erkennt, lässt sich lernen. Wie es sich in echten Marktphasen anfühlt, sehen Sie aber erst, wenn Sie das Gelernte über Monate anwenden – zum Beispiel auf einem Demokonto.
- Muss ich während der Arbeitszeit auf die Kurse schauen?
- Nein. Wer neben dem Beruf handelt, hat einen längeren Handelshorizont und würde auf Schwankungen im Tagesverlauf ohnehin nicht reagieren. Der Plan entsteht am Wochenende, Einstieg und Risiko legen Sie vorher fest. Ständiges Hinschauen bringt keine Kontrolle, sondern nur Unruhe.
- Warum schaue ich bei manchen Positionen ständig auf den Chart?
- Oft, weil die Position sich zu groß anfühlt – nicht rechnerisch, sondern für Ihr eigenes Risikoempfinden. Je unangenehmer die Größe, desto häufiger der Blick auf den Kurs, und zwar unabhängig von der Kontogröße. Das ist ein Signal, die Positionsgröße zu überprüfen.
Keine Anlageberatung. Dieser Artikel vermittelt Wissen über ein methodisches Vorgehen und ist keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Der Handel mit Wertpapieren ist mit Risiken verbunden. Kursverluste bis zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals sind möglich. Risikohinweis