Raus aus der Abhängigkeit, mehr Zeit für Familie, Sport und sich selbst: Das ist einer der häufigsten Gründe, warum Menschen anfangen, sich mit der Börse zu beschäftigen. Der Gedanke, eines Tages vom Trading zu leben, liegt da nahe. In diesem Artikel erfahren Sie, warum ich diesen Wunsch gut verstehe – und warum ich ihn trotzdem für eine unternehmerisch schwache Entscheidung halte.
Kann man vom Trading leben?
Grundsätzlich ja – aber es hängt vor allem vom Kapitalstock ab. Ihr Depot müsste so groß sein, dass es Ihre Lebenshaltungskosten auch in schwächeren Phasen trägt, ohne dass Sie unter Druck geraten.
Die meisten starten mit deutlich weniger. Und selbst wer das nötige Kapital hätte, steht vor der eigentlichen Frage: Ist es klug, sein gesamtes Einkommen auf eine einzige Quelle zu stellen?
Warum wollen so viele vom Trading leben?
Weil sie weg wollen: weg vom alten Job, weg von der Abhängigkeit, hin zu Unabhängigkeit, mehr Freizeit und mehr Lebensqualität. Unabhängigkeit wirkt dabei wie das höchste Gut.
Das ist menschlich vollkommen nachvollziehbar. Der Gedanke hat fast etwas Heldenhaftes: alles auf eine Karte setzen und sich freikämpfen. Nur ist eine nachvollziehbare Motivation noch keine gute Strategie.
Was spricht aus Unternehmersicht dagegen?
Kein Unternehmer, der klug wirtschaftet, setzt alles auf ein einziges Produkt. Er verteilt seinen Umsatz auf mehrere Standbeine, damit ein Einbruch an einer Stelle nicht gleich das ganze Unternehmen gefährdet.
Für Ihr Einkommen gilt dasselbe. Wer nur vom Trading lebt, hat genau ein Standbein. Deshalb sage ich: Der Beruf liefert ein Einkommen, die Börse liefert das zweite.
Das sage ich nicht, weil ich glaube, dass man mit Trading kein Geld verdienen kann. Ich sage es, weil zwei Standbeine aus unternehmerischer Sicht schlicht stabiler sind als eines.
Was passiert, wenn Ihr Ansatz eine Zeit lang nicht funktioniert?
Sie merken es nicht sofort, und Sie können es nicht einfach abstellen. Es gibt keinen Moment, in dem klar ist: Ab heute passt mein Ansatz nicht mehr, also stelle ich um und verdiene morgen wieder normal Geld.
Durststrecke: Eine Durststrecke ist eine Phase, in der ein Handelsansatz über längere Zeit kein Geld verdient, weil der Markt sich anders verhält als in den Phasen, für die der Ansatz gemacht ist.
So eine Phase beginnt schleichend. Erst kommen ein paar kleine Verluste, dann läuft der Markt nicht so, wie Sie es erwarten. Nach meiner Beobachtung kann sich das über Wochen ziehen, manchmal über Monate – Monate, in denen Sie womöglich kein Geld verdienen.
Wer in dieser Zeit von den Erträgen leben muss, gerät automatisch unter Druck. Die Miete wartet nicht, bis der Markt wieder passt. Und Druck ist an der Börse ein schlechter Berater: Er verleitet dazu, Regeln zu brechen, zu große Positionen einzugehen oder Trades zu erzwingen, die es eigentlich nicht gibt.
Was ändert ein zweites Standbein?
Es nimmt den Druck raus. Mit einem zweiten Einkommen können Sie sich in einer Durststrecke zurücklehnen und sagen: Im Moment passt mein Ansatz nicht zum Markt – aber ich handle nicht am Existenzminimum.
Genau diese Ruhe brauchen Sie, um bei Ihren Regeln zu bleiben, nur dann zu handeln, wenn die Bedingungen stimmen, und in schwachen Phasen auch einmal gar nichts zu tun. Mit einem Standbein ist das kaum möglich, mit zwei ist es normal.
Wie Sie neben dem Beruf ein Depot aufbauen, das zum zweiten Einkommen werden kann, lesen Sie im Leitartikel Aktien neben dem Beruf: Wie Ihr Depot zum zweiten Einkommen werden kann.
Heißt das, Sie müssen in Ihrem alten Job bleiben?
Nein. Es geht nicht um einen bestimmten Job, sondern um ein Einkommen, das nicht von der Börse abhängt. Das kann eine Anstellung sein, eine Selbstständigkeit, ein eigenes Unternehmen oder eine Kombination.
Wenn Sie aus Ihrem Job heraus wollen, ist das ein legitimes Ziel. Nur sollte der Ausweg nicht lauten: „Ab jetzt lebe ich vom Trading.“ Sondern: „Ich baue mir ein Einkommen auf, das mir mehr Freiheit gibt – und die Börse kommt als zweites Standbein dazu.“
So gehe ich selbst vor
Ich sehe den Wunsch nach Unabhängigkeit bei sehr vielen, die zu mir ins Mentoring kommen. Oft ist er sogar der eigentliche Antrieb: Sie wollen weg aus der Abhängigkeit und hin zu mehr Zeit für sich. Ich nehme diesen Wunsch ernst. Aber ich sage auch offen, dass „vom Trading leben“ dafür meist zu kurz gedacht ist.
Ich selbst denke da wie ein Unternehmer: Mein eigenes Trading ist ein Standbein, nicht das einzige. Und ich weiß aus über 20 Jahren, dass es Phasen gibt, in denen der Markt nicht zu meinem Ansatz passt. In diesen Phasen bin ich froh, dass ich mich zurücklehnen kann, statt Erträge erzwingen zu müssen.
Wenn Sie prüfen möchten, wie Sie mit einer Durststrecke umgehen würden, spielen Sie es durch: Führen Sie Ihren Ansatz ein paar Monate auf einem Demokonto und notieren Sie, wie sich Gewinn- und Verlustphasen abwechseln. Dann fragen Sie sich ehrlich, ob Sie in der längsten Verlustphase Ihre Miete hätten zahlen können.
Das Wichtigste in Kürze
- Vom Trading leben ist möglich, hängt aber vor allem vom Kapitalstock ab – und selbst dann bleibt es ein einziges Standbein.
- Unternehmerisch ist es klüger, das Einkommen auf mindestens zwei Standbeine zu stellen: Beruf als Fundament, Depot als zweites Einkommen.
- Jeder Ansatz hat Durststrecken. Sie beginnen schleichend und können Wochen oder Monate dauern.
- Wer in dieser Zeit von der Börse leben muss, handelt unter Druck. Ein zweites Einkommen gibt Ihnen die Ruhe, bei Ihren Regeln zu bleiben.
- Der Wunsch nach Unabhängigkeit ist berechtigt. Der Weg dahin führt über ein zweites Standbein, nicht über alles auf eine Karte.
Häufige Fragen
- Kann man vom Trading leben?
- Grundsätzlich ja, aber es hängt vor allem vom Kapitalstock ab. Ihr Depot müsste so groß sein, dass es Ihre Lebenshaltungskosten auch in schwächeren Phasen deckt, ohne dass Sie unter Druck geraten. Die meisten starten deutlich kleiner. Für sie ist der Beruf als Fundament die klügere Ausgangslage.
- Warum ist es riskant, nur vom Trading zu leben?
- Weil Sie dann nur ein Standbein haben. Jeder Handelsansatz hat Phasen, in denen er nicht funktioniert. Das zeigt sich schleichend über kleine Verluste und kann sich über Wochen oder Monate ziehen. Wer in dieser Zeit von den Erträgen leben muss, handelt unter Druck – und unter Druck werden Entscheidungen schlechter.
- Heißt das, ich muss für immer in meinem Job bleiben?
- Nein. Es geht nicht um einen bestimmten Job, sondern um ein zweites Einkommen neben der Börse. Das kann eine Anstellung sein, eine Selbstständigkeit oder ein eigenes Unternehmen. Entscheidend ist, dass Ihr Lebensunterhalt nicht allein vom Trading abhängt.
- Was ist eine Durststrecke beim Trading?
- Eine Durststrecke ist eine Phase, in der ein Handelsansatz über längere Zeit kein Geld verdient, etwa weil der Markt sich anders verhält als in den Phasen, für die der Ansatz gemacht ist. Sie beginnt meist unauffällig mit kleinen Verlusten und wird oft erst nach einigen Wochen als solche erkannt.
Keine Anlageberatung. Dieser Artikel vermittelt Wissen über ein methodisches Vorgehen und ist keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Der Handel mit Wertpapieren ist mit Risiken verbunden. Kursverluste bis zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals sind möglich. Risikohinweis